Eine neue Welthandelsordnung entsteht
Die EU und Indien einigen sich auf ein Handelsabkommen - und sogar Gegner des Mercosur-Vertrags mit Südamerika zeigen sich angetan. Was ist diesmal anders? Und wer profitiert vor allem?
Es tut sich etwas in der europäischen Handelspolitik. In den vergangenen Monaten hat die Europäische Union Handelsabkommen mit dem oft vernachlässigten Indonesien und den Mercosur-Staaten unterschrieben. Zweiteres hat noch Schluckauf, da das Europäische Parlament vergangene Woche mit knapper Mehrheit beschloss, es zur Prüfung an den Europäischen Gerichtshof zu überweisen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagen die Befürworter. Außerdem könne der Vertrag vorläufig angewendet werden.
Nun der dritte Streich: In Neu-Delhi paraphierten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Ratspräsident António Costa und Indiens Premier Narendra Modi ein Handelsabkommen, das eine Freihandelszone von fast zwei Milliarden Menschen schaffen soll. Etwa ein Jahr, meint Modi, könne es dauern, bis der Vertrag in Kraft tritt.
In Europa muss der Text erst in alle 24 Amtssprachen übersetzt, rechtlich auf Herz und Nieren geprüft, von einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedsländer (mindestens 15 von 27, die mehr als 65 Prozent der Bevölkerung ausmachen) und von ebenjenem Europaparlament angenommen werden. Es sind also noch einige Hürden zu nehmen. Trotzdem geben sich die Befürworter optimistisch.
Vor allem Frankreich wehrte sich mit allen verfügbaren Mitteln gegen das Abkommen mit den Mercosur-Staaten. Dieses Mal aber ist das vollkommen anders. Die französische Regierung signalisierte bereits, dass sie großes Interesse an einer engeren Partnerschaft mit Indien habe. Die sensiblen Punkte - Rindfleisch, Geflügel, Ethanol und Getreide - sind ausgeklammert, der CO2-Grenzzoll (CBAM) soll intakt bleiben. Dafür erhofft sich Frankreich, einen bisher kaum gesättigten Markt für seine Weine, Spirituosen und Luxusgüter zu erschließen.
Die Zölle sollen nun auf 40 Prozent, später auf zehn Prozent fallen. Allerdings sind diese Sätze nur für ein Kontingent von 200.000 Verbrennern im Jahr vorgesehen. Der indische Markt bleibt für die europäischen Autobauer also schwer zugänglich. Doch zumindest, so die Befürworter, hätten sie nun einen Fuß in der Tür.
Am meisten profitieren sollen auf beiden Seiten die Chemieindustrie und der Maschinenbau. Auch für europäische Elektronik- und Kunststoffhersteller wird ein hohes Wachstum erwartet. Indien wiederum erhofft sich, mehr Medikamente und auch IT-Dienstleistungen in die EU zu verkaufen. Die indische Textil- und Schmuckindustrie hat wegen der hohen US-Zölle dringend Bedarf, etwa Kleidung und Leder auf anderen Märkten loszuwerden. Durch geringere Zölle möchten indische Hersteller mit Wettbewerbern aus Vietnam und Bangladesch mithalten.
Trump brachte Eile ins Geschehen. Indien etwa hatte sich jahrelang bei Fragen von Umweltstandards quergestellt und sich bis zuletzt kaum bewegt. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič wurde etwa von Vertrauten nach mehreren Reisen nach Neu-Delhi zitiert, das indische Essen sei genauso scharf wie die laufenden Verhandlungen. Nun aber der Durchbruch.
Andererseits: Was wäre die Alternative? Weiterhin auf alten Partnerschaften beharren und hoffen, dass diese schon nicht endgültig zu Bruch gehen werden? Während die Vereinigten Staaten die Welt mit Zöllen überziehen und die Handelspolitik als geopolitisches Druckmittel einsetzen, schottet China seinen Markt immer mehr ab und untergräbt mit hohen Subventionen auf seine Weise die Welthandelsordnung.
Wenn sich die Europäer als einzige an die Spielregeln des internationalen Handels halten, so die Analyse von immer mehr Verantwortungsträgern in Brüssel und den EU-Hauptstädten, kommen sie unter die Räder. Insofern gilt es für Europa langsam, aber bestimmt, neue Partnerschaften aufzubauen. Nicht alle Eier in einen Korb legen: Diese alte Weisheit trifft auch für die Handelspolitik der EU zu.
Es tut sich etwas in der europäischen Handelspolitik. In den vergangenen Monaten hat die Europäische Union Handelsabkommen mit dem oft vernachlässigten Indonesien und den Mercosur-Staaten unterschrieben. Zweiteres hat noch Schluckauf, da das Europäische Parlament vergangene Woche mit knapper Mehrheit beschloss, es zur Prüfung an den Europäischen Gerichtshof zu überweisen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagen die Befürworter. Außerdem könne der Vertrag vorläufig angewendet werden.
Nun der dritte Streich: In Neu-Delhi paraphierten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Ratspräsident António Costa und Indiens Premier Narendra Modi ein Handelsabkommen, das eine Freihandelszone von fast zwei Milliarden Menschen schaffen soll. Etwa ein Jahr, meint Modi, könne es dauern, bis der Vertrag in Kraft tritt.
In Europa muss der Text erst in alle 24 Amtssprachen übersetzt, rechtlich auf Herz und Nieren geprüft, von einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedsländer (mindestens 15 von 27, die mehr als 65 Prozent der Bevölkerung ausmachen) und von ebenjenem Europaparlament angenommen werden. Es sind also noch einige Hürden zu nehmen. Trotzdem geben sich die Befürworter optimistisch.
Selbst Frankreich ist dafür
Im Gegensatz zum Abkommen mit den Mercosur-Staaten sind große Teile der Landwirtschaft nicht Gegenstand des Vertragswerks. Gegen Mercosur hatten vor allem Rind- und Geflügelzüchter sowie Getreidebauern Stimmung gemacht. Sie beklagten, dass sich die lateinamerikanischen Bauern nicht an dieselben Regeln halten müssten wie sie. Außerdem fürchteten sie den Preiskampf gegen die Konkurrenz aus Argentinien und Brasilien.Vor allem Frankreich wehrte sich mit allen verfügbaren Mitteln gegen das Abkommen mit den Mercosur-Staaten. Dieses Mal aber ist das vollkommen anders. Die französische Regierung signalisierte bereits, dass sie großes Interesse an einer engeren Partnerschaft mit Indien habe. Die sensiblen Punkte - Rindfleisch, Geflügel, Ethanol und Getreide - sind ausgeklammert, der CO2-Grenzzoll (CBAM) soll intakt bleiben. Dafür erhofft sich Frankreich, einen bisher kaum gesättigten Markt für seine Weine, Spirituosen und Luxusgüter zu erschließen.
Hoffnung auf Wachstum
Auch für Deutschland ist der indische Markt von großer Relevanz, speziell für die Automobilindustrie. Bisher wurden an der indischen Grenze Zölle in Höhe von 70 bis 110 Prozent fällig. Einige Autobauer drückten den Satz auf 35 Prozent, indem sie ihre Autos in Indien montierten. Trotzdem fahren deutsche Marken äußerst selten durchs Land. VW etwa verkaufte im Jahr 2024 nur 42.000 Pkw in Indien.Die Zölle sollen nun auf 40 Prozent, später auf zehn Prozent fallen. Allerdings sind diese Sätze nur für ein Kontingent von 200.000 Verbrennern im Jahr vorgesehen. Der indische Markt bleibt für die europäischen Autobauer also schwer zugänglich. Doch zumindest, so die Befürworter, hätten sie nun einen Fuß in der Tür.
Am meisten profitieren sollen auf beiden Seiten die Chemieindustrie und der Maschinenbau. Auch für europäische Elektronik- und Kunststoffhersteller wird ein hohes Wachstum erwartet. Indien wiederum erhofft sich, mehr Medikamente und auch IT-Dienstleistungen in die EU zu verkaufen. Die indische Textil- und Schmuckindustrie hat wegen der hohen US-Zölle dringend Bedarf, etwa Kleidung und Leder auf anderen Märkten loszuwerden. Durch geringere Zölle möchten indische Hersteller mit Wettbewerbern aus Vietnam und Bangladesch mithalten.
Trump hat für Eile gesorgt
Hauptverantwortlicher für die Beschleunigung neuer Handelsverträge auf der Welt ist US-Präsident Donald Trump. Die Handelspolitik der USA bewegt einst enge Partner dazu, neue Abkommen zu schließen. Kanadas Premier Mark Carney und Chinas Präsident Xi Jinping meldeten erst kürzlich eine Einigung. Dass außerdem die Verhandlungen der EU mit Mercosur nach 26 und mit Indien nach mehr als 20 Jahren fast zeitgleich ihren Abschluss fanden, ist kein Zufall.Trump brachte Eile ins Geschehen. Indien etwa hatte sich jahrelang bei Fragen von Umweltstandards quergestellt und sich bis zuletzt kaum bewegt. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič wurde etwa von Vertrauten nach mehreren Reisen nach Neu-Delhi zitiert, das indische Essen sei genauso scharf wie die laufenden Verhandlungen. Nun aber der Durchbruch.
Großer Abstand zu den USA und China
Was für Mercosur zutrifft, gilt ebenso für Indien: Wirtschaftsinstitute wie Kiel und Köln erwarten Wohlfahrtsgewinne, sowohl für die EU als auch für ihre Handelspartner. Jedoch werden Argentinien, Brasilien und Indien nicht die USA und China ersetzen. Bisher ist Indien der neuntgrößte Handelspartner der EU. Allerdings macht das Geschäft mit dem Land mit der größten Bevölkerung auf der Welt nur etwas mehr als zwei Prozent aus. Die USA (17 Prozent) und China (15 Prozent) sind zumindest bisher um ein Vielfaches bedeutender.Andererseits: Was wäre die Alternative? Weiterhin auf alten Partnerschaften beharren und hoffen, dass diese schon nicht endgültig zu Bruch gehen werden? Während die Vereinigten Staaten die Welt mit Zöllen überziehen und die Handelspolitik als geopolitisches Druckmittel einsetzen, schottet China seinen Markt immer mehr ab und untergräbt mit hohen Subventionen auf seine Weise die Welthandelsordnung.
Wenn sich die Europäer als einzige an die Spielregeln des internationalen Handels halten, so die Analyse von immer mehr Verantwortungsträgern in Brüssel und den EU-Hauptstädten, kommen sie unter die Räder. Insofern gilt es für Europa langsam, aber bestimmt, neue Partnerschaften aufzubauen. Nicht alle Eier in einen Korb legen: Diese alte Weisheit trifft auch für die Handelspolitik der EU zu.
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