Rund einen Monat vor der Parlamentswahl in Ungarn scheint es so, als würde Ministerpräsident Orban Rückhalt bei seiner Stammklientel verlieren. Das zeigt sich besonders im Osten des Landes, im kleinen Ort Told.
In das Dorf führt nur ein Schotterweg mit großen Schlaglöchern. Hinter dichtem Gestrüpp sieht man Reihen von kleinen, ziemlich alt aussehenden Häusern. Das 300-Einwohner-Dorf Told liegt ganz im Osten Ungarns an der rumänischen Grenze. Die Armut ist deutlich sichtbar. Hier, in einer der ärmsten Gegenden Ungarns, zeigt sich, warum die regierende Russland-freundliche und rechtspopulistische Fidesz-Partei elf Prozent hinter der pro-europäischen und konservativen Tisza-Partei steht in den letzten unabhängigen Umfragen von Februar - und warum die Parlamentswahl mit dem Duell zwischen Ministerpräsident Viktor Orban und seinem Herausforderer und Fidesz-Aussteiger Peter Magyar am 12. April spannend wird.
Landkarte mit der Hauptstadt Budapest und dem Ort Told im Osten Ungarns.
Viele Probleme, wenig Unterstützung
In einem der Häuser in Told ist ein Kindergarten, ansonsten gibt es im Dorf nichts. Der nächste Ort, in dem es ein Geschäft und einen Arzt gibt, ist sieben Kilometer entfernt. Es fährt aber nur zweimal am Tag ein Bus. Das ist ein Problem, denn die meisten Bewohner haben kein Auto, weil sie es sich nicht leisten können. Etwa 80 Prozent der Einwohner des Dorfs sind Roma. Tamas Veress betreut die Menschen in Told und findet, dass der Staat sie vernachlässigt. "Jetzt, wo die Wahlen kommen, beginnt man sich wieder einmal ein bisschen um die Menschen zu kümmern. Oder zumindest erscheint es so. Jetzt hört man von den Regierungspolitikern Ankündigungen, das Unterstützung kommt." Doch eine Familie, sagt Veress, muss hier im Dorf mit umgerechnet 600 Euro pro Monat über die Runden kommen. "Die Männer arbeiten entweder auf Baustellen oder machen staatliche Hilfsarbeiten, wie Landschaftspflege oder Reparaturarbeiten draußen." Und im Dorf gebe es absolut keine Infrastruktur. "Man darf diese Menschen nicht einfach so sich selbst überlassen, in so einer ausweglosen Lage."
Geschenke kurz vor der Wahl
Veress arbeitet im Dorf Told für die dort ansässige Igazgyöngy-Stiftung, eine Nichtregierungsorganisation, die Familien auf verschiedene Arten unterstützt: mit Lernförderung für Kinder, die in der Schule benachteiligt werden und Schwierigkeiten haben, durch Familienhilfen, Gemeinschaftsentwicklung im Dorf - und der Förderung lokaler Beschäftigung. Veress sagt, dass er im Dorf das macht, was der Staat versäumt. Vor der Wahl, sagt Veress, gebe es große Verkündungen: "Zum Beispiel können sich die Familien in diesen Tagen eine Sonderunterstützung für Kinder abholen von umgerechnet 13 Euro pro Kind." Ebenso habe die Fidesz-Partei von Regierungschef Orban vor wenigen Tagen Kleidung für die Bewohner und neue Möbel ins Dorf geschickt - was die Selbstverwaltung der Roma dann verteilt habe. "Wir sehen, wie die Politik mit Wahlgeschenken auf die armen Menschen zugeht. Wir ermuntern die Bewohner, dass sie den Politikern nicht alles glauben und dass sie kritisch denken", sagt Veress. Der Parlamentsabgeordnete dieser Region sei schon seit vier Amtszeiten im Parlament und sie hätten ihn hier in Told kein einziges Mal gesehen.
Peter Magyar tourt durch Dörfer
Im Dorf Told zeigte sich dafür der Herausforderer von Orban: Peter Magyar. Der ehemalige Regierungsbeamte und Diplomat ist aus Orbans Fidesz ausgestiegen. Er hat den Ungarn versprochen, das korrupte und autoritäre Machtsystem Orbans zu zerschlagen und eine pro-europäische Regierung aufzubauen. Magyar will bis zur Wahl durch alle 106 Wahlbezirke touren und tritt pro Tag in bis zu fünf Städten und Dörfern auf. Er kommt meistens auf den zentralen Platz auf eine Bühne und hält dort Wahlkampfreden. Magyar hat erkannt, dass er möglichst vielen Menschen auf der Straße begegnen muss, denn die Medien werden weitgehend von Orban kontrolliert, sie verbreiten nur dessen Propaganda. Und Magyars Tour durchs Land scheint sich auszuzahlen. Orban stand in den vergangenen 16 Jahren noch nie schwächer da vor einer Wahl.
"Man sollte Orban schon austauschen"
Angela Gyöngyösi, eine 54-Jährige Romni aus Told, habe Peter Magyar live gesehen und jetzt sei sie von ihrer früheren politischen Überzeugung abgerückt: "Man sollte Orban schon austauschen, denn er hat für uns Familien in kleinen Dörfern nichts getan. Er sollte mal einen Tag hier verbringen und sehen, wie wir leben, was wir essen und wie wir angezogen sind." Am Anfang hätten sie an Orban geglaubt. "Wir haben ihn alle gewählt. Aber er hat dann nichts für uns gemacht, er hat sich nur selbst fett gefressen." Sie habe jetzt Magyar gesehen, "er war bei uns im Dorf, er war sympathisch, aber er muss sich beweisen, dass er etwas tut, dass es für alle besser wird." Die Anzeichen für einen Regierungswechsel sind hier zu spüren. Doch Orban sorgt gerade für große Aufregung durch einen politischen Konflikt mit der Ukraine. Manche Experten spekulieren, dass sich daraus ein Gamechanger für die Wahl entwickeln könnte, zugunsten von Orban.
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