Wie es um die Teilzeit in Deutschland steht
Teile der CDU wollen das Recht auf Teilzeit einschränken - und haben damit eine Debatte ausgelöst. Wie groß ist die Nachfrage? Was sind Gründe dafür? Und arbeiten Menschen immer freiwillig in Teilzeit? Ein Überblick.
Der MIT-Antrag sieht auch vor, dass Teilzeitkräfte nur noch bei Vorliegen besonderer Gründe Sozialleistungen wie Grundsicherung, Kinderzuschlag und Wohngeld erhalten können. Nicht besonders begründete Teilzeit könne weiterhin einvernehmlich zwischen den Arbeitsvertragsparteien vereinbart werden - aber ohne den bisher gesetzlich festgeschriebenen Rückkehranspruch in Vollzeit.
Die MIT begründet ihren Antrag damit, dass die Teilzeitquote in Deutschland einen Rekord erreicht habe. "Gleichzeitig herrscht in der gesamten Wirtschaft Fachkräftemangel."
Der Arbeitgeber hat der Verringerung laut Gesetz zuzustimmen, soweit betriebliche Gründe nicht entgegenstehen. Die Ablehnungsgründe können demnach durch einen Tarifvertrag festgelegt werden.
Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Bundesagentur für Arbeit gehört, erreichte die Teilzeitquote im dritten Quartal 2025 mit 40,1 Prozent den höchsten Wert in so einem Quartal. Das führte nach Erkenntnissen des IAB aber nicht dazu, dass das Arbeitsvolumen insgesamt gesunken ist. Denn Teilzeitbeschäftigte arbeiten demnach heute mehr Stunden als in früheren Jahren, zuletzt im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden.
Die voneinander abweichenden Zahlen kommen durch Unterschiede bei den Daten, die vom IAB und Statistischen Bundesamt als Berechnungsgrundlage genutzt werden.
Der IAB-Arbeitsmarktexperte Enzo Weber erklärte im Handelsblatt zudem, dass sich immer mehr Frauen und Ältere am Arbeitsmarkt beteiligten und das oft in Teilzeit geschehe.
Der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell, Professor an der Hochschule Koblenz, bezweifelt, dass es eine nennenswerte Zahl an "Lifestyle"-Teilzeitbeschäftigten gibt. "Die Gruppe derjenigen, die es sich leisten können, nur Teilzeit zu arbeiten, die ist sehr, sehr gering, da reden wir vielleicht vom einstelligen Prozentbereich", sagte Sell im Deutschlandfunk.
Familiäre Pflichten als Grund nannten 33 Prozent der Frauen - und neun Prozent der Männer. "Insbesondere mit Blick auf die Betreuung von Kindern und Angehörigen, ist davon auszugehen, dass Veränderungen bei Angeboten für Kinderbetreuung und Pflege die Wünsche nach Vollzeit- oder Teilzeitarbeit beeinflussen", gaben die Statistiker an.
Auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche schaltete sich in die Debatte ein - und sprach sich für mehr Vollzeitarbeit aus. Ziel sei es, die Arbeitsproduktivität zu steigern, sagte die CDU-Politikerin.
In puncto Arbeitsproduktivität unterscheide sich Deutschland nicht wesentlich von den USA. "Aber die Wochen- und Monats-Arbeitszeit ist dann im Vergleich zu anderen Staaten - auch übrigens europäischen Staaten - geringer", sagte Reiche. "Insofern ist mehr Vollzeitarbeit kombiniert mit Betreuungsmöglichkeiten für Familien, die das brauchen, oder auch für pflegebedürftige Angehörige ein wichtiger Baustein."
Der Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der Wirtschaft (IW) erklärte hingegen, der Rechtsanspruch sei ein überflüssiger Anachronismus aus einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit. Angesichts des Fachkräftemangels sei die Verhandlungsmacht der Beschäftigten auch ohne gesetzlichen Anspruch stark genug. Schäfer räumte jedoch ein, dass die Abschaffung allein nicht ausreiche. Auch er nannte einen Ausbau der Kinderbetreuung und eine spürbare Senkung der Abgabenlast als Bedingung, damit sich Mehrarbeit für Beschäftigte lohne.
Das DIW argumentierte, das Steuersystem setze falsche Anreize für mehr Teilzeit. Es belohne vor allem die Konstellation, in der ein Partner in Vollzeit und der andere, meist die Frau, in einem Minijob arbeite. Reformen beim Ehegattensplitting und bei den Minijobs könnten die finanziellen Anreize für Mehrarbeit speziell für verheiratete Frauen erhöhen.
Auch die Industriestaaten-Organisation OECD hält eine Reform des Steuer- und Transfersystems in Deutschland für notwendig. "Dazu gehört eine Reform des Ehegattensplittings sowie eine Beschränkung der Minijobs auf Studenten und Schüler", sagte der Deutschland-Experte der OECD, Robert Grundke.
Was wird bei der Teilzeit gefordert?
Der Wirtschaftsflügel der CDU will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken. Es soll ihn nur noch geben, wenn besondere Gründe vorliegen. Dazu zählt die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen und berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung. Das geht aus einem Antrag der MIT an den CDU-Bundesparteitag im Februar hervor. Der Antrag trägt den Titel "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit".Der MIT-Antrag sieht auch vor, dass Teilzeitkräfte nur noch bei Vorliegen besonderer Gründe Sozialleistungen wie Grundsicherung, Kinderzuschlag und Wohngeld erhalten können. Nicht besonders begründete Teilzeit könne weiterhin einvernehmlich zwischen den Arbeitsvertragsparteien vereinbart werden - aber ohne den bisher gesetzlich festgeschriebenen Rückkehranspruch in Vollzeit.
Die MIT begründet ihren Antrag damit, dass die Teilzeitquote in Deutschland einen Rekord erreicht habe. "Gleichzeitig herrscht in der gesamten Wirtschaft Fachkräftemangel."
Wie sieht die aktuelle Regelung aus?
Bisher ist ein grundsätzlicher Anspruch auf Teilzeitarbeit gesetzlich verankert. Dies gilt für Menschen, deren Arbeitsverhältnis mehr als sechs Monate bestanden hat, und deren Arbeitgeber in der Regel mehr als 15 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beschäftigt. Der Wunsch auf weniger Arbeitszeit muss drei Monate vorher angekündigt werden.Der Arbeitgeber hat der Verringerung laut Gesetz zuzustimmen, soweit betriebliche Gründe nicht entgegenstehen. Die Ablehnungsgründe können demnach durch einen Tarifvertrag festgelegt werden.
Wie viele Menschen arbeiten in Teilzeit?
Dem Statistischen Bundesamt zufolge haben 2024 29 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland in Teilzeit gearbeitet - fast jede zweite Frau (49 Prozent) und zwölf Prozent der Männer. Die Teilzeitquote in Deutschland zählt dem Statistikamt zufolge zu den höchsten in der EU.Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Bundesagentur für Arbeit gehört, erreichte die Teilzeitquote im dritten Quartal 2025 mit 40,1 Prozent den höchsten Wert in so einem Quartal. Das führte nach Erkenntnissen des IAB aber nicht dazu, dass das Arbeitsvolumen insgesamt gesunken ist. Denn Teilzeitbeschäftigte arbeiten demnach heute mehr Stunden als in früheren Jahren, zuletzt im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden.
Die voneinander abweichenden Zahlen kommen durch Unterschiede bei den Daten, die vom IAB und Statistischen Bundesamt als Berechnungsgrundlage genutzt werden.
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Warum wird mehr in Teilzeit gearbeitet?
Unter anderem wegen eines Beschäftigungszuwachses in Branchen mit einem hohen Teilzeitanteil - laut IAB etwa dem Gesundheits- und Sozialwesen, Erziehung und Schule. Im verarbeitenden Gewerbe mit seinen vielen Vollzeitstellen sank dagegen die Beschäftigung.Der IAB-Arbeitsmarktexperte Enzo Weber erklärte im Handelsblatt zudem, dass sich immer mehr Frauen und Ältere am Arbeitsmarkt beteiligten und das oft in Teilzeit geschehe.
Der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell, Professor an der Hochschule Koblenz, bezweifelt, dass es eine nennenswerte Zahl an "Lifestyle"-Teilzeitbeschäftigten gibt. "Die Gruppe derjenigen, die es sich leisten können, nur Teilzeit zu arbeiten, die ist sehr, sehr gering, da reden wir vielleicht vom einstelligen Prozentbereich", sagte Sell im Deutschlandfunk.
Arbeiten Menschen immer freiwillig in Teilzeit?
Laut Statistischem Bundesamt wollte jede siebzehnte Teilzeitkraft 2024 Vollzeit arbeiten. Viele fanden keine Vollzeitstelle, vor allem junge und ältere Beschäftigte. Früher waren es aber noch mehr. Die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten gibt demnach an, Teilzeit arbeiten zu wollen, oder hatte andere persönliche Gründe.Familiäre Pflichten als Grund nannten 33 Prozent der Frauen - und neun Prozent der Männer. "Insbesondere mit Blick auf die Betreuung von Kindern und Angehörigen, ist davon auszugehen, dass Veränderungen bei Angeboten für Kinderbetreuung und Pflege die Wünsche nach Vollzeit- oder Teilzeitarbeit beeinflussen", gaben die Statistiker an.
Wie verläuft die politische Diskussion?
Widerspruch an dem Vorstoß kommt nicht nur aus der Opposition, sondern auch vom Koalitionspartner SPD und aus der CDU selbst. Der CDU-Sozialflügel kritisierte, der Wirtschaftsflügel wolle das Pferd von der falschen Seite aufzäumen. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sagte der Zeitschrift stern: "Die CDU ist nicht klug beraten, wenn sie ständig verkündet, dass die Menschen in Deutschland nicht genug arbeiten."Auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche schaltete sich in die Debatte ein - und sprach sich für mehr Vollzeitarbeit aus. Ziel sei es, die Arbeitsproduktivität zu steigern, sagte die CDU-Politikerin.
In puncto Arbeitsproduktivität unterscheide sich Deutschland nicht wesentlich von den USA. "Aber die Wochen- und Monats-Arbeitszeit ist dann im Vergleich zu anderen Staaten - auch übrigens europäischen Staaten - geringer", sagte Reiche. "Insofern ist mehr Vollzeitarbeit kombiniert mit Betreuungsmöglichkeiten für Familien, die das brauchen, oder auch für pflegebedürftige Angehörige ein wichtiger Baustein."
Was sagen Ökonomen?
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schlägt in der Debatte eine Reform von Ehegattensplitting und Minijobs vor. "Die Abschaffung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit würde den Fachkräftemangel in Deutschland nicht lösen", sagte Katharina Wrohlich vom DIW.Der Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der Wirtschaft (IW) erklärte hingegen, der Rechtsanspruch sei ein überflüssiger Anachronismus aus einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit. Angesichts des Fachkräftemangels sei die Verhandlungsmacht der Beschäftigten auch ohne gesetzlichen Anspruch stark genug. Schäfer räumte jedoch ein, dass die Abschaffung allein nicht ausreiche. Auch er nannte einen Ausbau der Kinderbetreuung und eine spürbare Senkung der Abgabenlast als Bedingung, damit sich Mehrarbeit für Beschäftigte lohne.
Das DIW argumentierte, das Steuersystem setze falsche Anreize für mehr Teilzeit. Es belohne vor allem die Konstellation, in der ein Partner in Vollzeit und der andere, meist die Frau, in einem Minijob arbeite. Reformen beim Ehegattensplitting und bei den Minijobs könnten die finanziellen Anreize für Mehrarbeit speziell für verheiratete Frauen erhöhen.
Auch die Industriestaaten-Organisation OECD hält eine Reform des Steuer- und Transfersystems in Deutschland für notwendig. "Dazu gehört eine Reform des Ehegattensplittings sowie eine Beschränkung der Minijobs auf Studenten und Schüler", sagte der Deutschland-Experte der OECD, Robert Grundke.
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