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Vom Party-Patriotismus zum Nationalismus

Vom Party-Patriotismus zum Nationalismus
WM 2006 - das waren fröhliche Fanmeilen, schwarz-rot-goldene Fahnen, ein Land im Jubelrausch. Ein Hit der Sportfreunde Stiller wurde zur inoffiziellen WM-Hymne. Der Party-Patriotismus hat seine Schattenseiten. 

Als die Sportfreunde Stiller 2006 ihren Song "'54, '74, '90, 2006" veröffentlichten, ahnte die Band nicht, was auf sie zukam. "Dieses Lied war in allen Gesellschaftsbereichen so allgegenwärtig", erinnert sich Sänger Peter Brugger im Podcast "ARD Ikonen: Sportfreunde Stiller“ . "Das kannten wir davor so nicht: Dass das wirklich jeder das kannte, vom Kleinkind zur Oma."

"Die Welt zu Gast bei Freunden"

Die Fußball-WM im eigenen Land löste große Euphorie aus. Unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" feierte ganz Deutschland mit seinen Gästen - und präsentierte sich selbst als entspannte, offene Kulturnation. Das Lied der Sportfreunde Stiller wurde zur Hymne dieser Fußballwochen. Die Band trat damit sogar beim Abschlussfest mit der Nationalmannschaft auf der Bühne am Brandenburger Tor - vor ihnen 800.000 Menschen in Schwarz und Weiß, zahllose Deutschlandfahnen wehten über den Köpfen.
Dabei war Deutschland im Halbfinale aus dem Turnier ausgeschieden und nicht Weltmeister im eigenen Land geworden. Dennoch blieb die Stimmung ausgelassen. Für Brugger ist gerade das symbolisch: "Wir haben einen dritten Platz gefeiert. Das finde ich sehr gut für uns Deutsche. Dass das weiterging nach der Niederlage im Halbfinale fand ich so toll an diesem Sommer." Die Erzählung vom "Sommermärchen" war geboren - und mit ihr ein neuer, unverkrampfter Umgang mit nationalen Symbolen.


Die Band Sportfreunde Stiller bot mit einem Song 2006 die inofizielle Hymne zum WM-Sommermärchen in Deutschland.

Wenn die Fahnen bleiben

Nach der WM etablierte sich in den Medien ein Begriff dafür: "Party-Patriotismus", der auch von von der Sozialwissenschaft aufgegriffen wurde. Gemeint ist damit ein vermeintlich unpolitisches Fahnen- und Hymnenfeiern rund um große Sportereignisse.
Die Band Sportfreunde Stiller beobachtete auf ihren eigenen Konzerten, dass diese Euphorie auch ein halbes Jahr nach der WM nicht abebbte. Und war irritiert, wie Schlagzeuger Flo Weber im Podcast "ARD Ikonen" erzählt: "Auf einmal waren ein Haufen Leute da, die mit der Deutschlandfahne dann im Publikum waren."
Ohne Großsportveranstaltung fühlte sich das aber nicht richtig an. Die Band reagierte, bat die Fans, die Fahnen wieder wegzupacken - und musste sich selbst neu sortieren, wie sie damit umgeht.

Mit Party-Patriotismus tritt Nationalismus hervor

Solche Entwicklungen beobachtet auch der Sportjournalist Ronny Blaschke. Er schreibt seit Jahren über Rassismus und Rechtsextremismus im Fußball: "Rechtsextreme können nicht nur an diesen Party-Sommer-Gedanken anknüpfen, sondern generell an das Vokabular des Fußballs", so Blaschke. Gerade während einer WM sei Vieles auf Nation und Abgrenzung ausgerichtet: "Auf das Land, auf 'wir sind stärker'. Wir singen unsere Hymne, wir hissen unsere Fahne, wir nutzen Begriffe wie Ehre, Zusammenhalt, Treue zur Nation."
Dass im Zuge von Sportgroßereignissen der Nationalismus steigt, belegen auch Studien. Blaschke bezieht sich beispielsweise auf die Langzeitstudie "Deutsche Zustände" von Soziologe und Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer aus dem Jahr 2007. Darin wurde gezeigt, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 auch Nährboden für Nationalismus, Ausgrenzung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit war.

"Alle politischen Systeme nutzen den Fußball"

Deutlich zutage tritt das rund um die Fußball-EM 2024 in Deutschland, als Spieler der Nationalmannschaft rassistisch angefeindet und Debatten zu Herkunft und Hautfarbe - und letztendlich Zugehörigkeit zum National-Team geführt werden.
Akteure wie die AfD greifen in diese Debatten ein, um ihre eigenen Narrative zu Zuwanderung zu verstärken. Maximillian Krah, damals AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl, sprach während einer Veranstaltung von der National-Elf als "Fremdenlegion". Björn Höcke schrieb in einem Gastbeitrag in der Schweizer Wochenzeitung 2024, er könne sich mit der Nationalmannschaft nicht mehr identifizieren.
Für Blaschke ist das kein Zufall, sondern Ausdruck eines grundsätzlichen Mechanismus der Politik: "Alle politischen Systeme, ob Autokratien, Diktaturen, Demokratien, nutzen den Fußball vor allem wegen der Reichweite", sagt er.

Blick auf die WM 2026: Mehr Strategie, mehr Inszenierung

Zur WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko rechnet Blaschke mit einer neuen Dimension politischer Nutzung des Turniers. Sie fällt zusammen mit gleich mehreren Jubiläen: In den USA wird nicht nur der 250. Jahrestag der Unabhängigkeit gefeiert, sondern auch der 80. Geburtstag von Donald Trump. Der US-Präsident ist für seine Inszenierung medienwirksamer Großereignisse bekannt. Trump werde den Fußball "nutzen", glaubt auch Blaschke: als emotional aufgeladene Kulisse für seine Botschaften.

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