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Wie Russland Ausländer in den Ukraine-Krieg lockt

Wie Russland Ausländer in den Ukraine-Krieg lockt
Moskau wirbt zunehmend Männer aus den ärmsten Ländern der Welt an, um sie zum Einsatz an die Front in die Ukraine zu schicken. Was wird ihnen versprochen?

Charles Mutoka lebt in Kenia. Der 72-Jährige trauert um seinen Sohn Oscar Khagola Mutoka. Im Sommer 2025 reiste der ehemalige kenianische Soldat nach Russland, um dort zu arbeiten. Sein Vater erzählt, dass er vergeblich versucht habe, ihn davon abzubringen. Oscar sagte seiner Familie nicht, wohin genau er ging, und schickte eine Woche später nur ein Foto von sich in Militäruniform. Danach meldete er sich nie wieder. Einige Zeit später erfuhr seine Familie von seinem Tod. 

Oscar Mutokas Familie hat nicht einmal seinen Leichnam zurückerhalten - allen Appellen an die kenianischen Behörden zum Trotz. Im Mai 2026 hielt die Familie dennoch eine symbolische Trauerfeier ab und richtete ein Scheingrab für Oscar ein, um zumindest einen Ort zu haben, an dem man beten könne. "Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, ob und wo er tatsächlich begraben ist oder ob sein Leichnam einfach in einen Wald in Russland geworfen wurde", sagt Charles Mutoka.

Oskar Mutoka ist einer von mutmaßlich mehr als 27.000 Ausländern, die von Russland für den Kampf in der Ukraine rekrutiert wurden. Diese Zahl nennt der ukrainische Militärgeheimdienst HUR. Eine Studie der Internationalen Föderation für Menschenrechte (FIDH), der Organisation Truth Hounds und des Kasachischen Internationalen Büros für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit (KIBHR) belegt, dass Russland ein globales, auf die Anwerbung von Ausländern ausgerichtetes Netzwerk aufgebaut hat.

"Diese Anwerbung zielt auf Menschen in wirtschaftlich, sozial und rechtlich prekären Lebenslagen ab. Die dabei eingesetzten Methoden reichen von Lockangeboten über Täuschung bis hin zu Zwang", erklärt Ilja Nusow, einer der Autoren der Studie, gegenüber der DW.

"Damit ich in Kuba nicht verhungere"

Für viele Menschen aus den ärmsten Regionen der Welt ist der von der russischen Armee versprochene Sold ein großer Anreiz. Sie sehen darin eine Chance, der Armut zu entkommen und ihren Familien zu helfen. Der Kubaner Yoan Viondi Mendoza entschied sich genau deswegen, in Russland zu arbeiten. Ihm wurden 2000 US-Dollar im Monat versprochen. Für Kuba, wo der Durchschnittslohn nur 20 US-Dollar beträgt, ist das eine enorme Summe.

Yoans Mendozas Geschichte erfuhr die DW von seinem Bruder Michael Duro. Duro lebt in den USA, wo er sich wegen einer Krebserkrankung behandeln lässt. Yoan wollte zu seinem Bruder auswandern, doch finanzielle und bürokratische Hürden machten dies unmöglich. Kurz darauf stieß er auf ein Arbeitsangebot in Russland. "Yoan rief mich an und sagte, er habe einen Ausweg gefunden. Er erzählte mir von einem 'Projekt' in Russland", so Michael Duro. Vergeblich habe er versucht, seinen Bruder umzustimmen.

Im September 2023 filmte die Nachrichtenagentur Reuters junge Kubaner, die nach Russland gehen wollten. Auch Yoan Mendoza war unter ihnen. "Alle sagten: 'Ich tue das, damit ich in Kuba nicht verhungere.' Sie wissen genau, wohin sie gehen, und ich weiß es auch", sagte der damals 23-Jährige den Journalisten. Er zeigte ihnen seine Korrespondenz mit der Vermittlerin, in der diese schrieb: "Das ist ein Vertrag mit der russischen Armee, Sie erhalten unsere Staatsbürgerschaft."

Michael Duro erzählt, dass Yoan Mendoza an die Front in der Ukraine geschickt wurde, von wo er zu fliehen versuchte. "Er flehte: 'Ich habe einen Fehler gemacht. Verzeiht mir. Bitte holt mich schnell hier raus'", sagt Michael über seinen Bruder. Doch der Kontakt zu Yoan brach ab. Später tauchte sein Name auf Listen getöteter Ausländer auf, die von der Ukraine veröffentlicht wurden.

"Sie benutzten uns als menschliche Schutzschilde"

Yoan Mendoza und Oscar Mutoka wussten wohl, dass sie nach Russland gehen würden, um im Ukraine-Krieg zu kämpfen. Doch viele andere Ausländer werden getäuscht. Ihnen werden etwa Jobs im Bauwesen, im Sicherheitsbereich, in der Logistik oder in der Landwirtschaft versprochen.

So erging es Arman Mondol aus Bangladesch. Der junge Mann erhoffte sich, im Ausland zu arbeiten und seine Familie aus ihrer Armut befreien zu können. Sein Vater, ein Bauer, verkaufte Land und nahm einen Kredit auf, um einen Vermittler zu bezahlen. Mondol wurde gesagt, er werde als Packer in einem Lagerhaus arbeiten. Er reiste mit einem Touristenvisum über Saudi-Arabien nach Russland ein. Dort sei er gezwungen worden, einen Vertrag auf Russisch zu unterschreiben, den er nicht einmal lesen konnte.

Mondol berichtet, dass er und andere Ausländer in der russischen Armee sehr schlecht behandelt worden seien. "Wenn wir einen Einsatz hatten, schickten sie uns immer voraus, während sie selbst hinter uns zurückblieben. Sie benutzten uns als menschliche Schutzschilde und stießen uns direkt ins Kampfgetümmel", sagt er.

Bei einem dieser Einsätze fuhr das Fahrzeug, in dem sich Arman befand, auf eine Mine. Nur zwei Insassen überlebten - Arman war einer von ihnen. Er wurde in ein Militärkrankenhaus gebracht, aus dem ihm die Flucht gelang. Die bangladeschische Botschaft in Moskau half dem jungen Mann schließlich bei der Heimkehr. Doch der Krieg lässt ihn bis heute nicht los.

"Diese Bilder habe ich immer noch vor Augen - die sterbenden Menschen, ihre Augen, ihre entstellten Gesichter. Wie sie von Minen in die Luft gesprengt wurden. Wie eine Drohne nach der anderen angriff. Wie den Menschen Gliedmaßen abgerissen wurden. Es war furchtbar", erinnert sich Mondol. Noch immer hat er Granatsplitter in einem Bein, er humpelt schwer. In seinem Heimatdorf in Bangladesch findet er jetzt erst recht keine Arbeit.

Söldnertum oder Menschenhandel?

Ausländer, die in der Ukraine für Russland kämpfen, werden oft als Söldner bezeichnet. Ilja Nusow erläutert jedoch, dass sie nach internationalem Recht genaugenommen keine sind, da sie häufig die russische Staatsbürgerschaft annehmen, um sich dann der Armee anzuschließen.

Andere hingegen wollten sich ursprünglich gar nicht an Kampfhandlungen beteiligen. Solche Rekrutierungsfälle können unter Menschenhandel fallen, wenn sie Täuschung, Nötigung und die Beförderung zum Zweck der Ausbeutung beinhalten. Dies verstößt gegen das Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen grenzüberschreitende organisierte Kriminalität, einschließlich des Palermo-Protokolls, das Menschenhandel verbietet und von den meisten Ländern, darunter auch Russland, ratifiziert wurde.

Die russischen Behörden betonen, alle ausländischen Soldaten würden sich freiwillig am Krieg in der Ukraine beteiligen. Im März behauptete Russlands Außenminister Sergej Lawrow auf einer Pressekonferenz mit seinem kenianischen Amtskollegen, Russland werbe niemanden an. "Freiwillige nehmen an dieser speziellen Militäroperation in voller Übereinstimmung mit dem russischen Recht teil", sagte Lawrow vor Journalisten. Die DW bat das russische Außenministerium um eine Stellungnahme, erhielt aber bislang keine Antwort.

Immer mehr angeworbene Ausländer

Unterdessen erregt die Anwerbung von Ausländern zunehmend Aufmerksamkeit. Familien betroffener Männer protestieren von Nepal bis Peru. Politiker, darunter der indische Premierminister Narendra Modi, sprechen das Thema bei Treffen mit Wladimir Putin an. Medienberichten zufolge hat Russland im Februar 2026 die Anwerbung von Bürgern aus einer Reihe "befreundeter" Länder eingeschränkt. Eine Liste dieser Länder wurde nicht veröffentlicht.

"In einigen Fällen hat dies dazu beigetragen, den Zustrom von Kämpfern aus bestimmten Ländern zumindest vorübergehend zu verringern oder sogar zu stoppen", sagt Ilja Nusow. "Wir gehen jedoch davon aus, dass Russland auch Möglichkeiten hat, dies zu umgehen, indem es die Rekrutierung an einem Ort zurückfährt und sich stattdessen verstärkt auf ein anderes Land konzentriert." Schätzungen des ukrainischen Koordinierungsstabs für die Behandlung von Kriegsgefangenen zufolge könnte Russland im Jahr 2026 insgesamt bis zu 18.500 Menschen aus dem Ausland für den Krieg anwerben. "Die Zahl der rekrutierten Ausländer", sagt Nusow, "steigt weiter an, anstatt zurückzugehen."

Unter Mitarbeit von Benjamin Alvarez Gruber, Nahid Anjuman, Felix Maringa.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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