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Springers Pläne mit dem "Telegraph"

Springers Pläne mit dem "Telegraph"
Drei Jahre lang war das Schicksal des britischen "Telegraph" ungewiss. Jetzt übernimmt der Axel-Springer-Verlag die traditionsreiche Zeitung. Beobachter sehen gute wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten. Die Medienaufsicht prüft den Kauf. 

Wegen der politischen Nähe zu den konservativen Tories trägt der 1855 gegründete britische "Telegraph" auch den Spitznamen "Torygraph". Und die Beschäftigten, die drei Jahre lang selbst in den Medien die Verkaufsschlacht um ihren Verlag verfolgen mussten, dürften jetzt erleichtert sein, meint der Journalist Fraser Nelson, ehemaliger Chefredakteur des konservativen Spectator. "Es ist furchtbar, wenn der Auktionshammer über einem schwebt. Man kann nicht planen, weiß nicht, was die neuen Eigentümer wollen." Der Chefredakteur des Telegraph, Chris Evans, habe einen sehr mutigen Kurs gegen die Übernahme durch die Arabischen Emirate gefahren - "obwohl es erstmal keine Käuferalternative gab".

Barclay verlor wegen Schulden Kontrolle über Konzern

Die Telegraph Group TMG war 2023 ins Schlingern geraten, als die Eigentümer-Familie Barclay wegen unbezahlter Milliarden-Schulden gegenüber der Lloyds Bank die Kontrolle über den Konzern verlor. RedBird IMI - zu 75 Prozent im Besitz von Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan, Vizepräsident der Vereinigten Arabischen Emirate und Eigentümer von Manchester City - übernahm die Verlagsgruppe mit der Zusage, die Schulden der Barclays zu begleichen.
Doch nachdem die britische Regierung ein Gesetz verabschiedet hatte, das ausländischen Staaten und mit ihnen verbundenen Einzelpersonen den Besitz von Zeitungen in Großbritannien untersagt, musste die Telegraph Gruppe wieder zum Verkauf angeboten werden. Zuletzt hatte der Besitzer der Daily-Mail-Gruppe (DMGT), der auch als Lord Rothermere bekannte Zeitungserbe Jonathan Harmsworth, als aussichtsreichster Interessent für den Telegraph gegolten.
Doch in seinem Fall hatte die britische Medienregulierung Sorge, dass die Medienvielfalt im Vereinigten Königreich leiden könnte, wenn die beiden wichtigsten konservativen Zeitungen "Daily Mail" und "Telegraph" aus einer Hand kämen.

Medienaufsicht prüft Übernahme durch Springer

Nach dem Angebot von Springer kündigte die britische Kulturministerin Lisa Nandy jetzt an, die Übernahme durch den deutschen Verlag zu prüfen. Es wird jedoch erwartet, dass der Kauf durchgeht. Fraser Nelson meint jedenfalls, dass Springer TMG für die enorme Summe von 575 Millionen britischen Pfund - umgerechnet 661 Millionen Euro kaufen wolle, sei für die britische Medienlandschaft ein Glücksfall.
Die inhaltliche Ausrichtung des "Telegraph" war zuletzt immer konservativer und isolationistischer geworden. Insofern muss sich manch ein Kolumnist eventuell erst daran gewöhnen, dass es nun mit Springer-Chef Matthias Döpfner einen deutschen Besitzer gibt. Der teilt zwar manch euroskeptische Sichtweise. Doch ob es künftig in einem Meinungsstück, das gegen "die deutsche Dominanz in der EU" wettert, noch heißen wird "Das Vierte Reich ist da", bleibt abzuwarten.
Nelson sieht dann auch ideologische Überlegungen oder die politische Ausrichtung des "Telegraph" nicht so sehr im Vordergrund, sondern die wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten, die Springer mit dem Kaufe verfolge: "Viele sehen Zeitungen als ein Medium von gestern. Doch andere, wie Döpfner, sehen sie als einen enormen Wachstumsmarkt, wenn man klug investiert. Und Döpfner sagt, er wolle den 'Telegraph' zur bekanntesten publizistischen mitte-rechts Marke in der englischsprachigen Welt machen."

Springer will in US-Markt expandieren

Springer kündigte an, die Expansion von TMG in den US-Markt gezielt voranzutreiben und dabei die Expertise seiner Marken "Politico" und "Business Insider" zu nutzen. Dabei gehe es um mehr als die Umleitung der Leserschaft ins Digitale, meint Nelson.
"Döpfner meint, die Zeit für willkürliches Clickbait, um Reichweite zu generieren, sei vorbei. Er sucht Publikationen mit hohen Abonnentenzahlen. Es geht darum, ein eigenes Stammpublikum aufzubauen. Dafür hat er eine große Kriegskasse und er will dieses Publikum ausbauen", so der Journalist.
Die gedruckten und online publizierten Angebote des "Telegraph" haben nach Unternehmensangaben derzeit etwa 720.000 Abonnenten.

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