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Hat Amerikas Popmusik noch eine politische Kraft?

Hat Amerikas Popmusik noch eine politische Kraft?
Ein neuer Protestsong von Bruce Springsteen und politische Spannungen rund um den Super Bowl: Der US-Pop wirkt wieder aufgeladen. Doch wie viel politische Kraft steckt heute noch in populärer Musik? 

Von Samira Straub, SWR
Am Sonntag findet der Super Bowl statt und es zeichnet sich davor bereits ab: Die größte Bühne des US-Pop wird politisch aufgeladen. Mit Bad Bunny tritt für die Halbzeit-Show ein puerto-ricanischer Künstler auf, der zuletzt sämtliche US-Termine aus Protest gegen die Abschiebepolitik und ICE-Einsätze abgesagt hatte.
Green Day, diesjähriger Opening-Act, veränderten zuletzt bei Konzerten die Textzeile ihres Songs "American Idiot" zu "I‘m not part of a MAGA agenda". US-Präsident Donald Trump kündigte sogleich an, der Veranstaltung wegen der Band fernzubleiben.

Musiker gegen Trump

Auch andere prominente Musiker haben sich zuletzt gegen die Trump-Regierung positioniert: Billie Eilish und Bruce Springsteen äußerten sich öffentlich gegen den Präsidenten. Springsteen greift in neuen Songs zudem die brutalen Einsätze der US-Abschiebebehörde ICE auf. Gleichzeitig positionieren sich Superstars auf der Gegenseite, wie etwa Nicki Minaj, die sich zuletzt demonstrativ zu Trump bekannte.
Es zeigt sich: Es gibt viele Stimmen - aber keinen Chor. Protest ist unter Popmusikern vorhanden, aber nicht als Bewegung oder Szene, sondern gebunden an einzelne, etablierte Namen.

Eine Frage des Status

Diese Entwicklung ist symptomatisch, denn politische Positionierung im US-Pop ist heute vor allem eine Frage davon, wer es sich leisten kann. Springsteen kann sich so äußern, weil er als "Boss" ein Weltstar ist und seine Autorität kaum in Frage steht.
Eilish gehört zu den wenigen jüngeren Künstlerinnen, die bereits über ausreichend Standing verfügen, um politische Haltungen öffentlich zu vertreten. Bad Bunny hingegen wird durch seine kritische Haltung gegenüber den USA zu einer einzelnen Galionsfigur für seine Heimat gemacht.
Dem stehen Megastars wie Taylor Swift oder Beyoncé gegenüber, die sich im Zentrum des globalen Popgeschäfts befinden, sich jedoch weitgehend bedeckt halten. Ihnen wird vorgeworfen, sie nutzten ihre enorme Reichweite nicht genügend, um politisch Haltung zu beziehen.

Risiko für Karrieren

In einer hoch polarisierten Öffentlichkeit birgt jede klare Positionierung dabei auch ökonomisches Risiko für Karrieren und Marken. Politische Popmusik ist heute ökonomisch riskanter als früher, Boykottaufrufe und Shitstorms erhöhen den Druck auf Künstler und Labels. Globale Märkte und ein eskalierter Kulturkampf begünstigen strategische Zurückhaltung.
Wenn politische Aussagen getroffen werden, sind sie oft Teil eines kalkulierten Markenauftritts. Beyoncé steht bezeichnend dafür, Feminismus und Rechte für Schwarze zwar in ihren Perfomances wie beim Super Bowl 2016 einfließen zu lassen, sich aber abseits der Bühne kaum angreifbar zu machen.

Früher emotionalisierte Protestmusik

Protestmusik schuf früher gemeinsame Bezugspunkte: Lieder also, die man mitsingen konnte, wiedererkannte. Sie emotionalisierte politische Konflikte, ohne sie erklären zu müssen, und senkte die Schwelle zur Teilhabe.
Dass politischer Protest heute so stark individualisiert ist, markiert damit einen Bruch. Denn: Popmusikalischer Protest, der niemanden verliert, gewinnt selten andere hinzu. Was auf größtmögliche Anschlussfähigkeit zielt, verzichtet oft auf die Zumutung, die Protest einmal ausmachte.
Ein Blick zurück macht das deutlich: Blues und später Soul formulierten Ausgrenzung und Widerstand nicht als politische Forderung, sondern als kollektives Gefühl der Schwarzen-Bewegung. In den Sechzigern wurden Singer-Songwriter wie Bob Dylan oder Joan Baez groß, die politisch konkrete Texte schrieben.
Punk fungierte in Europa als Gegenkultur, eng verbunden mit Klassenkonflikten und jugendlichen Milieus. Diese Funktion übernahm später der Hip-Hop in den USA, indem in Songs wie "Fight the Power" von Public Enemy oder "F** tha Police" von N.W.A. Polizeigewalt und Rassismus angeprangert wurden.

Musik als Verstärker politischer Bilder

Diese Form kollektiver Artikulation ist weitgehend verschwunden. Soziale Medien haben die Öffentlichkeit zersplittert: Politischer Protest ist heute so sichtbar wie selten zuvor und gerade deshalb kaum noch bündelbar. Jeder Feed erzählt eine andere Geschichte.
Musik begleitet diesen Widerstand zwar: Bei den "Black Lives Matter"-Protesten 2020 wurden beispielsweise Protestvideos auf TikTok mit speziellen Songs unterlegt. "This Is America" von Childish Gambino oder "Freedom" von Kendrick Lamar und Beyoncé trugen die Bewegung als akustische Pfeiler.
Und auch bei den ersten Protesten im Iran 2022 spielten Songs eine zentrale Rolle. Musik wurde dabei aber zum Verstärker politischer Bilder, und nicht zum eigenständigen Ausdruck von Protest.

Keine musikalische Gegenöffentlichkeit

Ein aktuelles Beispiel dafür ist der US-Musiker Jesse Welles, dessen politische Songs, wie "Red" und "Join ICE" über TikTok und YouTube ein großes Publikum erreichen. Die Aufmerksamkeit ist hoch - aber sie bleibt punktuell. Das Problem: Musik braucht eine langfristige Resonanz. In einer auf Aktualität getakteten Öffentlichkeit hat sie es schwer, eine vergleichbare Wirkung zu entfalten.
Dass selbst in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Konflikte keine neuen musikalischen Gegenöffentlichkeiten entstehen, ist damit weniger ein Künstlerproblem als ein Publikumsproblem. Ausgerechnet im Pop, dem Massenmedium schlechthin, bleibt politischer Protest heute ohne Masse.
Der diesjährige Super Bowl markiert dies mit seiner Künstlerauswahl: Bad Bunny verweist als Sprachrohr für Latinos auf rassistische Verhältnisse und Green Day steht als gealterte Anti-Establishment-Band aus der Bush-Ära auf der Bühne. Gesellschaftlicher Widerspruch im US-Pop existiert damit innerhalb einer 15-minütigen Halbzeit-Show, doch die kollektive Resonanz dürfte ausbleiben.

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