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Das Geschäft mit dem Grauen

Das Geschäft mit dem Grauen
Immer wieder werden Briefe und Fotos von KZ-Häftlingen auf Plattformen wie eBay zum Kauf angeboten. Angehörige zeigen sich entsetzt und fordern ein Verkaufsverbot - doch juristische Handlungsmöglichkeiten sind begrenzt. 

Es war der größte Massenmord des 20. Jahrhunderts: der Völkermord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden, bei dem sechs Millionen Menschen getötet wurden. Der Holocaust ist auch auf Fotos dokumentiert, die SS-Männer und Wehrmachtssoldaten in jüdischen Ghettos in Polen gemacht hatten. Und diese Fotos werden nun auch auf Plattformen wie eBay verkauft.
Jens Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, beobachtet seit Jahren den Handel mit diesen Fotos. "Teilweise wurden solche Fotos von SS-Angehörigen angefertigt, um sie Vorgesetzten zu schenken", erklärt er. Es gebe Alben, die für Heinrich Himmler und Adolf Hitler angelegt worden seien, "um sich sozusagen mit seinen Mordtaten zu rühmen. Das hat tatsächlich auch etwas von einer Trophäe, die man sich anfertigt - gewissermaßen als Andenken für die Mordtat, die man begangen hat."

Gewerblicher Handel mit Fotos

Die aktuelle Dimension des Handels mit den Bildern auf eBay überrascht Wagner: "Das ist wirklich erschreckend, was da an Fotos angeboten wird!" Man sehe das in der Beschriftung, "dort versucht man, mit dem Wort 'Jude' und auch der englischen Übersetzung 'jew' gleich das entsprechende Publikum zu gewinnen."
Angeboten werden diese Bilder vor allem von gewerblichen Verkäufern. Einer davon ist das "House of History", hinter dem Kai W. aus dem niedersächsischen Seevetal steht. Er betreibt im Ort selbst einen Militarialaden und verkauft daneben Fotos, Orden, Uniformen und Waffen in seinem Online-Shop. Vieles ist aus der Zeit des Nationalsozialismus. Ganz offen werden verfassungsfeindliche Symbole wie Hakenkreuze, SS-Runen sowie antisemitische Bücher angeboten und zur Schau gestellt.

Staatsanwaltschaft prüft Online-Shop

Eine Interviewanfrage lehnte Kai W. ab. MDR Investigativ will von ihm erfahren, warum er Geld mit dem Verkauf von Nazi-Artikeln und Holocaust-Fotos verdient. Mit versteckter Kamera in seinem Laden angesprochen, gibt er sich abweisend und lehnt ein Gespräch ab. Warum er auch Fotos verkauft, die Situationen aus dem Zweiten Weltkrieg zeigen und Juden, die in Ghettos fotografiert worden sind? "Nicht von uns", erklärt W., "die stellen wir auch nicht ein, auch keine Toten oder so was."
Die Realität sieht anders aus. In seinem Online-Shop auf eBay bietet Kai W. auch Fotos aus den jüdischen Ghettos an. MDR Investigativ fragt bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Lüneburg an, ob der Verkauf von antisemitischen Büchern sowie der Orden und Abzeichen mit Hakenkreuzen und SS-Runen im Onlineshop "House of History" strafrechtlich relevant sei. Die Staatsanwaltschaft antwortet: "Wir haben einen Prüfvorgang angelegt und prüfen, ob Anhaltspunkte für eine Straftat vorliegen."

eBay verweist auf Verbot von Handel mit NS-Fotos

Und wie ist die Haltung von eBay zum Handel mit den Fotografien aus der NS-Zeit? Das Unternehmen lehnt ein Interview mit MDR Investigativ ebenfalls ab. Schriftlich heißt es: "Bei eBay ist der Handel mit Gegenständen von Holocaust-Opfern und Fotos aus der Zeit des Nationalsozialismus, die Menschen in herabwürdigenden Situationen zeigen (...) ausdrücklich verboten."
Trotzdem werden solche Dokumente in großer Zahl auf der Handelsplattform angeboten und verkauft. Warum? Weil eBay auch daran verdient? Wirtschaftliche Interessen spielten in diesem Bereich keine Rolle, schreibt eBay. Verstöße würden zu Sanktionen führen. Weiter heißt es:
Zur Durchsetzung setzen wir Filtertechnologien sowie Kontrollen durch spezialisierte Sicherheitsteams ein. Unzulässige Angebote werden konsequent entfernt. Dass vereinzelt entsprechende Inhalte sichtbar werden, bedeutet nicht, dass wir sie dulden.

Angehörige entsetzt über Brief-Angebot

Auf eBay werden auch Briefe und Postkarten, geschrieben in Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Dachau, Buchenwald und Auschwitz, zum Verkauf angeboten. Es sind Lebenszeichen von Häftlingen an ihre Familien. Auch die Postkarte des polnischen Auschwitz-Häftlings Henryk Wroblewsky an seine Familie stand auf der Plattform zum Verkauf - für 250 Dollar, angeboten von einem amerikanischen Händler.
In Radomsko, einer polnischen Kleinstadt, 200 Kilometer südöstlich von Warschau, spricht MDR Investigativ mit der Familie von Henryk Wroblewsky, der 2011 starb. In Radomsko leben noch seine Enkelin und Schwiegertochter. Sie können sich nicht erklären, wie der Brief auf der Verkaufsplattform gelandet ist.
"Für mich persönlich, als Enkelin von Henryk, der ein KZ-Häftling war und diesen Brief während seiner Haft an seinen Vater geschrieben hat, ist dieser Fall ein absoluter Skandal", erklärt Katarzyna Wróblewska-Małek. Sie findet, solche Dokumente sollten entweder an die Familienangehörigen zurückgehen oder in Gedenkstätten aufbewahrt werden. Die Schwiegertochter, Barbara Wróblewska, empfindet diesen Handel als "Schändung". Beide können sich nicht erklären, wie der Brief überhaupt bei eBay auftauchen konnte.


Die Angehörigen von Henryk Wroblewsky, dessen Postkarte aus dem KZ Auschwitz plötzlich bei eBay auftauchte, sind entsetzt.

Polnisches Ministerium: Kaum juristische Handhabe

Der Handel mit den Hinterlassenschaften des Holocausts beschäftigt auch die polnische Regierung. Der Sprecher des Kultusministeriums, Piotr Jędrzejowski, sagt zu MDR Investigativ: "Das Kultusministerium ist der Meinung, dass es keinen Handel mit den Dokumenten des Völkermords geben sollte und dass sie nicht zum Objekt des Geschäfts und der Kommerzialisierung werden sollten." Tatsache sei aber, "dass wir wenig juristische Möglichkeiten haben, um diesen Handel zu regeln."
Dem Gedenkstättenleiter Wagner zufolge gibt es offensichtlich einen Markt für solche Dokumente und Menschen, "die aus welcher Motivation auch immer es erstrebenswert finden, für Tausende von Euro oder Dollar irgendetwas zu erwerben, wo ein Stempel der SS aus Auschwitz drauf ist". Wagner vermutet, dass diese Menschen eine Art Schauer empfinden wollten oder gar Anhänger der NS-Ideologie seien.
Für die Familie Wroblewski ist es unerträglich, dass mit so sensiblen Erinnerungsstücken wie der Postkarte, die Henryk Wroblewski aus Auschwitz an seinen Vater geschrieben hat, auf eBay Handel getrieben wird. "Es sollte verboten werden", sagt seine Enkelin Katarzyna. Auch Barbara Wróblewska findet, dass das, was die Familien haben, in ihrem Besitz bleiben sollte, damit sie es aufbewahren können. "Aber das, was jetzt auf dem Markt als Handelsware auftaucht, sollte in Gedenkstätten gehen."

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