Es brauchte die Katastrophe des Tsunami als Katalysator, um 2005 den Krieg in der indonesischen Provinz Aceh zu beenden. Seit 20 Jahren hält der Frieden, und die damals Beteiligten sehen darin auch heute ein Modell für andere.
Er kommandierte früher Rebellen in Aceh auf Sumatra. Muharram Idris führte 3.000 Männer im Kampf gegen die indonesische Armee, die aus Jakarta geschickt worden war. Er wollte die Unabhängigkeit für die Provinz Aceh. Dann kam der Tsunami. Der heute 51-Jährige Muharram war in einem Lager in den Bergen, als die Katastrophe auch sein Dorf fast auslöschte. Das ist 21 Jahre her.
Zu dieser Zeit herrschte überall Krieg. Wenn wir nicht zufällig von einem Tsunami heimgesucht worden wären, hätte der Krieg nicht aufgehört. Wir von der Bewegung Freies Aceh wollten dann nicht mehr kämpfen, weil wir trauerten.
Der Tsunami zerstörte große Teile Acehs und tötete dort allein 170.000 Menschen.
Die Zerstörung führte zusammen
Die Informationen über den Tsunami drangen an Weihnachten 2004 zunächst nur langsam nach außen, auch weil die Region durch den Krieg schwer zugänglich war. Ausländische Länder hätten, als das Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher wurde, helfen wollen, erinnert sich Muharram, der heute als Politiker arbeitet. "Sie konnten aber nicht hineingehen und drängten deshalb beide Seiten zum Frieden." Es hatte bereits vor dem Tsunami erste Gespräche zwischen der indonesischen Regierung und der Unabhängigkeitsbewegung gegeben, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Unter der Führung des finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari wurde ein Frieden ausgehandelt - das Friedensabkommen von Helsinki, das schließlich im August 2005 in der finnischen Hauptstadt unterzeichnet wurde, ein Jahr und acht Monate nach dem Tsunami. Auch dafür wurde Ahtisaari 2008 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. I Gusti Agung Wesaka Puja war einer der Verhandlungsführer, er beschreibt die Stimmung bei den Verhandlungen. "Nach über 25 Jahren Krieg, der keinen Frieden gebracht hatte, zerstörte der Tsunami fast alle Bereiche des Lebens in Aceh. Das Motto war: Genug ist genug. Lasst uns an einen Tisch setzen und noch einmal verhandeln."
Tastatursteuerung Bildergalerie aktivierenAm zweiten Weihnachtstag wird in Indonesien, Sri Lanka, Thailand und anderen Ländern, die 2004 von dem verheerenden Tsunami im Indischen Ozean betroffen waren, der mehr als 220.000 Todesopfer gedacht. Der schlimmste Tsunami in der Geschichte war am 26. Dezember 2004 durch ein schweres Seebeben der Stärke 9,1 vor der Westküste der indonesischen Insel Sumatra ausgelöst worden. Nach Angaben der internationalen Katastrophendatenbank EM-DAT gab es insgesamt 226.408 Tote. 165.708 Menschen starben demnach allein in Indonesien, die überwiegende Mehrheit davon in der Provinz Aceh im Norden Sumatras, wo die Flutwellen besonders hoch waren. Vom Zentrum des Bebens breitete sich der Tsunami mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Stundenkilometern im ganzen Indischen Ozean aus und erreichte nach zwei Stunden auch Sri Lanka, Indien und Thailand. Laut EM-DAT kamen in Sri Lanka mehr als 35.000 Menschen ums Leben, in Indien 16.389 und in Thailand 8345. In Thailand waren unter den Todesopfern auch zahlreiche Touristen im Weihnachtsurlaub, darunter 534 Deutsche. Auch auf den Malediven gab es mehr als 100 Tote sowie jeweils einige Dutzend in Malaysia und Myanmar. Ausläufer des Tsunamis erreichten sogar die Küste Ostafrikas: Allein in Somalia wurden fast 300 Todesopfer verzeichnet. Die Riesenwellen verwüsteten in Indonesien, Thailand, Sri Lanka und Indien weite Landstriche an der Küste und vernichteten ganze Städte und Dörfer. Hunderttausende Gebäude wurden zerstört, nach UN-Angaben verloren mehr als 1,5 Millionen Menschen durch den Tsunami ihr Zuhause. Die internationale Gemeinschaft stellte rund 14 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau zur Verfügung. Allein in der Provinz Aceh wurden nach Angaben der indonesischen Regierung mehr als 100.000 Häuser wiederaufgebaut - die verwüstete Stadt Banda Aceh ist heute kaum wiederzuerkennen. Die Opferzahl war auch deshalb so hoch, weil die Katastrophe die meisten Menschen völlig unvorbereitet traf: Im Indonesischen Ozean gab es damals noch kein Tsunami-Frühwarnsystem. Die Flutwellen überrollten die Küsten ohne Vorwarnung: Urlauber und Einheimische hatten daher nicht genug Zeit, um Schutz zu suchen - viele verstanden zunächst auch gar nicht, was passierte. Nach der Katastrophe wurde auch für den Indischen Ozean ein Frühwarnsystem aufgebaut, wie es etwa im Pazifik schon seit Jahren existierte. Die Warnsysteme stützen sich auf 1400 Messstationen weltweit und verschicken bei Erdbeben und Tsunamis automatisch erstellte Warnungen an die Behörden und die Menschen in den betroffenen Küstenregionen.
Zugeständnisse von beiden Seiten
Die Rebellen der Bewegung Freies Aceh GAM mussten sich bereit erklären, ihre Unabhängigkeitsbestrebungen aufzugeben, und erhielten im Gegenzug eine Sonderautonomie. Jakarta gewährte den Kämpfern und politischen Gefangenen Amnestie und zog einen großen Teil der Soldaten aus Aceh ab. Begleitet und überwacht wurde der Friedensprozess von der dafür eingesetzten Aceh Monitoring Mission der Europäischen Union und dem Verband der südostasiatischen Staaten ASEAN. Jüri Laas reiste im August 2005 im Auftrag der EU nach Aceh.
Die große Zerstörung in der Region ist ihm noch gegenwärtig, auch sei die Lage angespannt gewesen - alle hätten nach den langen Verhandlungen auf den Beginn der Umsetzung gewartet: "Ganz wichtig und entscheidend für den Erfolg dieser Mission und den Erfolg des Friedensprozesses war: Es gab einen echten Willen seitens der Bevölkerung von Aceh, Frieden und eine Lösung zu finden." Teil des Friedensabkommens war die Entwaffnung der Rebellen. Sie mussten bei den Beobachtern der Friedensmission 840 Gewehre abliefern. "Die Rebellen brachten die Waffen, wir überprüften sie und zersägten sie dann direkt vor Ort, vor den Augen der Menschen", berichtet Laas. "Das war sehr anschaulich und zeigte der Bevölkerung, dass Frieden kommt." Lokale Parteien wurden erlaubt. Anders als im restlichen Indonesien gilt in Aceh die Scharia, das konservative muslimische Recht. Wer gegen die strengen Regeln verstößt, muss mit öffentlicher Auspeitschung rechnen.
Geordnet und ohne Druck leben zu können
Die Provinzhauptstadt Banda Aceh ist heute ein lebhafter Ort mit Restaurants und Cafés. Die 48-jährige Krankenschwester Nona Munizar hatte während des Konflikts häufig Verletzte versorgt. Sie erzählt, wie dankbar sie ist für den Frieden. "Alle Menschen in Aceh unterstützen das, was wir den Helsinki-Frieden nennen, da er ihnen ermöglicht hat, ein geordneteres Leben zu führen." Auch wenn Frieden ein weit gefasster Begriff sei, so bedeute er für die Menschen in Aceh, nicht unter Druck zu leben, und das sei ihnen wichtig. Aber natürlich sei da immer auch die Sorge um den Frieden, "denn Frieden hat für uns eine besondere Bedeutung". Für Jüri Laas kann das Friedensabkommen für Aceh auch Vorbild für andere Konflikte sein. Es zeige, "dass es durch Dialog und Kompromisse möglich ist, dauerhaften Frieden zu finden und voranzukommen". Das sei eine sehr positive Botschaft. Eine positive Entwicklung, die durch eine der schlimmsten Naturkatastrophen erst entstehen konnte. 20 Jahre hält der Frieden seitdem.
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