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Wie BP und Total den Ausbau ausbremsen wollen

Wie BP und Total den Ausbau ausbremsen wollen
BP und Total Energies haben Milliarden in Offshore-Windparks investiert. Jetzt aber könnte ein neuer Vorstoß der Energiekonzerne den Ausbau der Anlagen um Jahre verzögern - und deutlich weniger Strom bringen. Das zeigen NDR-Recherchen. 

Als im Juli 2023 die Ergebnisse der Ausschreibungen für große Windparkflächen bekannt wurden, rieben sich viele in der Branche die Augen. Ganze 12,6 Milliarden Euro wollten die großen Ölkonzerne BP und Total für jeweils zwei Flächen in der Nordsee zahlen. Mit dem Zuschlag bekamen sie das Recht, dort große Offshore-Windparks zu errichten - zusammen mit einer Kapazität von sieben Gigawatt. Ein Jahr später legten sie noch einmal nach und ersteigerten weitere Flächen für drei Milliarden Euro.
Dass sich die Windparks bei diesem hohen Einsatz wirtschaftlich betreiben lassen, bezweifelten damals viele. Das Unternehmen RWE, das 2024 ursprünglich gemeinsam mit Total geboten hatte, zog sich aus dem Konsortium zurück. Inzwischen hat BP das Offshore-Geschäft ausgegliedert in das Joint Venture Jera Nex BP.

Neuer Plan könnten Offshore-Ausbau bremsen

Nun versuchen Jera Nex BP und Total offenbar gemeinsam die Rahmenbedingungen für den Betrieb ihrer Parks nachträglich zu ändern. Sie fordern, dass ein Großteil der noch offenen Flächen deutlich später ausgeschrieben werden als ursprünglich geplant. Also eine Bremse des Offshore-Windkraftausbaus.
Dafür haben die Unternehmen ein Szenario aufgestellt, mit dem sie den derzeitigen Flächenentwicklungsplan in Frage stellen. Ihr Plan nennt sich "Re-Order" und sieht vor, dass die Kapazität von 70 Gigawatt erst im Jahr 2057 erreicht wird. Der derzeitige Flächenentwicklungsplan (FEP) geht davon aus, dass schon im Jahr 2041 Windräder mit einer Kapazität von 70 Gigawatt in der deutschen Nordsee stehen sollen. Die Vorstellung der Unternehmen würde dies also um 16 Jahre verschieben.
Ihren Plan haben sich die Unternehmen eigens mit einer Studie beim Fraunhofer Institut für Windenergiesysteme (IWES) durchrechnen lassen. Nach Informationen des NDR haben die Unternehmen diese Berechnungen bereits bei der Behörde, die für die Flächenplanung zuständig ist, vorgestellt.

Expertin: Plan widerspricht gesetzlicher Grundlage

Lea Haefke leitet beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) das Referat Flächenentwicklungsplan. Im Gespräch mit dem NDR sagt sie, die Berechnungen seien ökonomisch nachvollziehbar, dennoch habe sie der Vorstoß der Unternehmen überrascht. Denn er widerspreche der gesetzlichen Grundlage. Denn das Ausbauziel ist nicht einfach ein Plan, der angestrebt wird. Es ist im Windenergie-auf-See-Gesetz festgeschrieben - und zwar für das Jahr 2045 und damit mit einem kleinen Puffer im Vergleich zum FEP.
Jera Nex BP äußerte sich dazu auf Anfrage nicht. Total verwies darauf, dass die Ausbauziele aufgrund der massiven Verzögerungen im Netzausbau schon jetzt in Frage stünden. Ihr Vorschlag würde den Ausbau deshalb deutlich weniger verzögern.
Die Unternehmen begründen ihren Vorstoß mit sogenannten Abschattungseffekten. Wenn vor einem Windpark eine weitere Anlage errichtet wird, sinken die Erträge der dahinter stehenden Anlagen. Sie stehen buchstäblich im Windschatten. Deshalb könne man, so die Argumentation, mit einem verzögerten Ausbau die bestehende oder schon geplante Infrastruktur effizienter betreiben.

Fraunhofer Institut: "Einbruch" der Windenergieerträge

Die Studie geht von 2 bis 10 Prozent höheren Erträgen in den sogenannten Fokusflächen aus. Dazu zählen auch die Flächen, die BP und Total erworben haben. Dies wird direkt in der Kurzzusammenfassung der Studie betont. Eine andere Zahl findet sich deutlich weiter hinten in der Studie. Der Plan der Unternehmen würde dazu führen, dass insgesamt deutlich weniger Windstrom produziert wird. Zeitweise würden die Erträge um ein Drittel sinken.
"Der Re-Order-Plan führt natürlich zu einem deutlichen Einbruch der Offshore-Windenergieerträge in der deutschen Nordsee insgesamt", sagt Bernhard Stoevesandt, der am Fraunhofer IWES als Chief Political Officer an der Studie mitgearbeitet hat. "Das ist eine Abwägung zwischen: Wie sehr soll sich das für die Firmen lohnen und wie viel Strom soll der Offshore-Wind der Gesellschaft bringen?", sagt er.

BP und Total lobbyieren im Wirtschaftsministerium

Total Energies erklärte dazu, die Studie sei ein proaktiver Vorschlag, die Windenergie auf See effizienter und damit günstiger für die Stromkunden zu machen. Die Vorschläge kämen "bereits gebauten, bereits bezuschlagten, aber auch zukünftigen Flächen zugute." Mögliche Mindererträge in der Stromerzeugung, die sich im Zeitverlauf ergeben könnten, könnten über einen höheren Zubau in den Nachbarstaaten kompensiert werden.
Die Abschattungseffekte seien bereits bekannt gewesen als die Unternehmen Milliarden für die Flächen in der Nordsee geboten haben, sagt Lea Haefke vom BSH. Dies hält die Unternehmen jedoch nicht davon ab, auch beim Wirtschaftsministerium mit der Fraunhofer-Studie anzuklopfen. Das bestätigte dem NDR, dass eine Gesprächsanfrage von BP und Total zur Vorstellung der Studie vorliegt. Das Gespräch sei aber noch nicht terminiert.

Grünen-Abgeordneter: "Unternehmerisches Risiko"

Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, kritisiert den Vorstoß der Unternehmen. Es sei zwar sinnvoll, Abschattungseffekte zu vermeiden. Das dürfe aber "unterm Strich nicht zu einem Minus an Erträgen führen oder die Ausbauziele in Menge und Zeit verfehlen lassen."
Der Grünen-Abgeordnete und Berichterstatter für den Bereich Offshore Alaa Alhamwi pocht auf das unternehmerische Risiko, das die Konzerne mit ihren hohen Geboten eingegangen sind. "Wenn Offshore-Windprojekte weniger Strom liefern als geplant, entstehen Lücken im System - und die könnten durch Gaskraftwerke gefüllt werden", befürchtet er.
Dass die Unternehmen ausgerechnet jetzt mit ihren Berechnungen auf Lobbytour gehen, hält Carla Geisen von der Deutschen Umwelthilfe für wenig überraschend. Denn der Flächenentwicklungsplan für dieses Jahr ist bereits überfällig. Und auch das Windenergie-auf-See-Gesetz, in dem das Ausbauziel von mindestens 70 GW bis 2045 festgeschrieben ist, muss dieses Jahr novelliert werden. Und hier könnten die Unternehmen bei Wirtschaftsministerin Katherina Reiche offene Türen einrennen. Denn die hatte schon mehrfach einen langsameren Offshore-Ausbau gefordert.

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