Endlich traut sich mit Union Berlin der erste Bundesligist, eine Frau als Cheftrainerin zu installieren. Doch das grundsätzliche Problem liegt tiefer, wie die DFB-Zahlen zeigen.
Es ist fast ein bisschen in Vergessenheit geraten, was der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit der Initiative "FF27" bewirken will: die Teilhabe von Frauen im Fußball signifikant vorantreiben. Auf und neben dem Platz. Bei den Amateuren und Profis. Triebfeder, zum Teil auch Ideengeberin war die Ex-Nationalspielerin Doris Fitschen, die im Frühjahr 2025 verstarb. Aber natürlich läuft das Projekt weiter und einige Zahlen sind gerade brandaktuell, wenn nun Union Berlin mit Marie-Louise Eta die erste Cheftrainerin im Fußball-Oberhaus stellt. Die 34-Jährige ist eine von nur 30 deutschen Trainerinnen, die nach DFB-Angaben überhaupt die Pro-Lizenz besitzen. Und nur mit dieser Lizenz besteht die Berechtigung, im deutschen Profifußball auf dem Chefposten zu arbeiten.
Sabrina Wittmann ist beim FC Ingolstadt anerkannt
Auch beim jüngsten Pro-Lizenz-Lehrgang, der höchsten Ausbildung für Trainerinnen und Trainer unter dem DFB-Dach, befanden sich unter den 17 Personen, die den Lehrgang absolvierten, mit Sabrina Wittmann vom FC Ingolstadt und Eva-Maria Virsinger von der TSG Hoffenheim nur zwei Frauen. Die 34-jährige Wittmann coacht seit knapp zwei Jahren die Männer beim Drittligisten, die 31 Jahre alte Virsinger übernahm im Januar im Kraichgau das Frauen-Bundesligateam.
Der Mangel an lizenzierten Trainerinnen beschäftigt den deutschen Fußball seit Längerem und gehört zu den Kernpunkten der Strategie "FF27". Doch während die Zahl der Spielerinnen (218.512 in 2025/26 gegenüber 147.861 in 2021/22) und Schiedsrichterinnen (2.749 gegenüber 1.545) signifikant gestiegen sind, ging es bei den Trainerinnen nur langsam vorwärts. Der DFB verfügt aktuell über 4.099 Trainerinnen (C- bis Pro-Lizenz), vor fünf Jahren waren es 3.299. Ein Plus von knapp 24,2 Prozent. Vorgabe ist, die Anzahl von Frauen in allen Bereichen bis 2027 um 25 Prozent zu steigern.
Viele Nationalspielerinnen sind interessiert
Weil in den Lizenzvorstufen ein Zuwachs von 124 Prozent verzeichnet wird, sei davon auszugehen, "dass in den kommenden Jahren die Anzahl an Trainerinnen weiter steigen wird", teilt der DFB auf Sportschau-Anfrage mit. Es dauere noch eine Weile, aber der Weg sei bereitet. Zumal viele reflektierte Persönlichkeiten und anerkannte Nationalspielerinnen sich für den Job interessieren und die ersten Lizenzen erwerben. Machen sie dann Karriere wie Eta, die seit jungen Jahren für den Fußball brennt? Eine ist Nationalspielerin Sjoeke Nüsken, die bei einer Medienrunde in Herzogenaurach verriet: "Tatsächlich fange ich jetzt an mit meiner B-Lizenz. Es ist auf jeden Fall schön zu sehen, dass uns diese Chancen offenstehen." Auch für Ex-Nationalspielerin Alexandra Popp ist die Ernennung von Eta ein Meilenstein. "Ich finde es einen richtig, richtig coolen Schritt", sagte die 34-Jährige, die in der Jugend mit Eta zusammengespielt hatte. Man sehe an ihren bisherigen Erfolgen, "dass sie es als Trainerin auch zeigen kann."
Sechs Trainerinnen arbeiten in der Frauen-Bundesliga
So könnte sich am Missverhältnis langsam etwas ändern. Dabei taugte vor wenigen Jahren nicht mal die Frauen-Bundesliga als Beispiel für eine diverse Besetzung auf der Trainerbank. Immerhin: Aktuell sind dort sechs Frauen - neben Virsinger noch Friederike Kromp (Werder Bremen), Britta Carlsson (1. FC Köln), Ailien Poese (Union Berlin), Liese Brancao (Hamburger SV) und Heleen Jaques (SGS Essen) - bei den 14 Vereinen beschäftigt. Der dienstälteste Trainer ist mit Niko Arnautis (Eintracht Frankfurt) natürlich ein Mann.
Trainerinnen-Lizenzen in 2026 beim Deutschen Fußball-Bund
Lizenzstufe
Anzahl
Pro-Lizenz
30
A+
6
A
80
B+
95
B
797
C
3024
Torwartleistungskurs
59
Eta hatte bezüglich der Männer-Bundesliga schon vor zwei Jahren gesagt, "dass irgendwann eine Cheftrainerin-Position möglich sein wird, aber es ist schwer, das an einer Zeit festzumachen". Dass sich der Verein aus Berlin-Köpenick zum Vorreiter aufschwingt, ist kein Zufall. Präsident Dirk Zingler fördert mit Verve die in die Bundesliga aufgestiegenen Union-Fußballerinnen, alle Heimspiele werden wie selbstverständlich in der Alten Fösterei aufgetragen. Mehr als 7.000 Zuschauer kommen im Schnitt. Weiterhin ist geplant, dass Eta zur neuen Saison die Frauen der "Eisernen" übernimmt. Zuvor wird sie als erste Trainerin der Männer-Bundesliga Geschichte schreiben, so wie Bibiana Steinhaus-Webb, die 2017 als erste Frau ein Spiel in der Männer-Bundesliga leitete. Oder Katja Kraus, die bereits 2003 als erste Vorständin beim Hamburger SV arbeitete. Die Geschäftsführerin der Werbeagentur Jung von Matt/sports gründete vor einigen Jahren das Netzwerk "Fußball kann mehr", um mehr Frauen zum Durchbruch zu verhelfen. Die Entscheidung für Eta begrüßt die frühere Nationaltorhüterin vom FSV Frankfurt natürlich: "Sie wird definitiv ein Vorbild sein. Wir brauchen diese Vorbildfunktion."
Hoffnungsträgerin bei Union Berlin: Marie-Louise Eta
Katja Kraus plädiert für Quoten
Grundsätzlich aber passiere gerade auf den Führungsetagen noch zu wenig, deswegen hat Kraus über ihre Plattform kürzlich erneut vehement gefordert, verbindliche Quoten für mindestens 30 Prozent Frauen in Aufsichtsräten, Präsidien, Vorständen und Geschäftsführungen der Bundesligisten festzulegen, weil ansonsten die verkrusteten Strukturen nicht aufzubrechen sind. "Die Führungsgremien sind weiterhin homogen männlich, deutsch besetzt", kritisierte Kraus. Dadurch würden aber Entwicklungschancen verpasst, Potenziale nachgewiesenermaßen nicht ausgeschöpft. "Eine Quote ist dabei keine willkürliche Forderung, sondern ein bewährtes Mittel zur Zielerreichung, wenn der intrinsische Antrieb fehlt. In Politik und Wirtschaft ist das längst etabliert. Erstaunlich, dass sich insbesondere ein Wettbewerbsumfeld wie die Fußballbranche so schwer tut, sich messbare Ziele zu setzen", sagte die 55-Jährige.
FIFA verlangt für Frauen-WM 2027 nach Trainerinnen
Der Fußball-Weltverband FIFA verlangt von den Teilnehmern der nächsten Frauen-WM 2027 in Brasilien, dass eine Frau als Cheftrainerin oder Assistentin beschäftigt sein muss. Deutschland hat Glück: Bundestrainer Christian Wück bildet mit seinen Assistentinnen Maren Meinert und Saskia Bartusiak bei den DFB-Frauen ein diverses Gespann, das gerade den Vertrag bis 2029 verlängert hat.
Das Trio mit unterschiedlichen Charakteren ergänzt sich gut, Meinert und Bartusiak sehen sich ohnehin als Trainerinnen, die lieber im Hintergrund arbeiten, Wück gibt das öffentliche Sprachrohr, betont häufig den Wert seiner Co-Trainerinnen. Viele andere Nationalverbände sind noch nicht so weit. Gerade in Südamerika und Afrika, teils aber auch Europa sind die Trainerstäbe selbst bei den Frauen-Nationalteams überwiegend männlich besetzt. Bei der vergangenen WM 2023 in Australien und Neuseeland befand sich unter den Viertelfinalisten mit der für England tätigen niederländischen Erfolgstrainerin Sarina Wiegman nur eine einzige Frau.
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