Das Erbe des ersten Grünen
Nach 15 Jahren endet Winfried Kretschmanns Amtszeit in Baden-Württemberg. Deutschlands erster grüner Ministerpräsident tritt ab. Was hat er erreicht und was nicht? Eine Bilanz.
An einem diesigen Herbsttag im Jahr 2022 steht Winfried Kretschmann auf dem Dach eines Hotels in Los Angeles und blickt in die Ferne. Und vielleicht ist es genau diese eine Szene, die viel über ihn verrät. Denn Kretschmann könnte nun viele Dinge sagen, zumal sich eine Reihe Journalistinnen und Journalisten um ihn scharen, die nur auf einen prägnanten Satz warten. Kretschmann schaut, lange schweigend. Dann sagt er: "Kein Baum, nirgendwo." Punkt. Kein Wort zu viel.
Und doch steckt in diesem Satz viel: Kretschmanns Blick auf die Umwelt, seine Verbundenheit zum Ländlichen und auch sein Umgang mit Worten. Worte sind wichtig, tragen schwer. Sie zu verschwenden, und sei es an die Presse, war noch nie Kretschmanns Ding.
Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet ihm, dem Philosophie liebenden, im Kirchenchor singenden Schwaben, das gelang, was vor ihm keiner geschafft hat: der erste grüne Ministerpräsident zu werden. "Bei mir war mal der ehemalige amerikanische Außenminister Kissinger zu Besuch, den hat nur eines interessiert: Wie kann es sein, dass im Industrieland Baden-Württemberg, in dem 60 Jahre die CDU regiert hat, ausgerechnet ein Grüner Ministerpräsident wird?", erinnert sich Kretschmann.
Hinzu kamen äußere Umstände. Zum einen war da eine schon lange gärende Unzufriedenheit mit der Arbeit des amtierenden CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus. Sein von vielen als "kaiserlich" empfundener Führungsstil und sein Mangel an Selbstkritik kamen bei vielen nicht gut an. Dann der Konflikt um Stuttgart 21, der im "schwarzen Donnerstag" gipfelte, als Demonstrantinnen und Demonstranten mit Wasserwerfern und Tränengas vom Bauplatz des Milliarden-Bahnprojekts vertrieben wurden.
Und dann noch das: ein Seebeben vor der japanischen Küste. Im Kernkraftwerk von Fukushima wird radioaktive Strahlung freigesetzt. "Als ich von dieser Nachricht im Radio gehört habe, kurz vor der Landtagswahl, hab ich gesagt: Für die Grünen in Baden-Württemberg dürfte die Wahl gelaufen sein. Zu deren Gunsten", erinnert sich Politologin Ursula Münch.
Sicher, die Anfänge waren schwierig. Vor allem aus den Reihen der Wirtschaft kamen Vorbehalte. Würde grüne Politik das Autoland Baden-Württemberg in den Ruin treiben? "Wir hatten ein wirtschaftsfeindliches Image", so Kretschmann rückblickend. "Der bayerische Nachbar hat nach drei Wochen meines Amtes die Unternehmen aufgefordert, nach Bayern umzusiedeln. Ich wüsste aber nicht, dass das jemand gemacht hat."
Heute ist vom "wirtschaftsfeindlichen Image" nicht mehr viel geblieben. Kretschmanns Politik war immer eine der Kompromisse, Ökonomie und Ökologie zu vereinen, immer sein Anliegen. Für manche ein Zeichen der Stärke, der ausgleichenden Politik. Andere sehen darin einen Schwachpunkt: "Es ist dieser fast schmerzhafte Pragmatismus", analysiert Politologin Ursula Münch. "Es ist diese Bereitschaft, zumindest ein bisschen was voranzubringen, aber es ist dann auch immer nur ein bisschen."
Doch Kretschmann erlebt auch Rückschläge. Die Bauernproteste gegen die Kürzungen der Agrarsubventionen. Die zunehmende Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit der Ampel-Regierung. Die Europawahl, bei der die Grünen bundesweit massiv Stimmen verlieren, vor allem bei den jungen Wählern.
Zu denen hat Kretschmann ohnehin ein schwieriges Verhältnis. "Das sind völlig andere Lebenswelten", so die Weggefährtin und ehemalige grüne Staatsrätin Gisela Erler. "Er versteht das gar nicht, ihm ist das fremd, auch alles rund um 'queer' und so, das ist für ihn anstrengend." Auch mit der Protestbewegung "Fridays for Future" oder mit den Klimaklebern der "Letzten Generation" kann der Ministerpräsident wenig anfangen. "Jeder Mensch wird erwachsen", kommentiert Kretschmann deren Umtriebe.
Vor allem eingefleischte Grüne werfen Winfried Kretschmann immer wieder vor, die "grüne Sache verraten" zu haben. Auch Gegner von Stuttgart 21 hatten sich vom ersten grünen Ministerpräsidenten mehr erhofft, nämlich den Ausstieg aus dem Milliardenprojekt.
An einem Abend im Dezember steht Winfried Kretschmann gemeinsam mit Gattin Gerlinde auf dem Balkon der Stuttgarter Oper und blickt über die Innenstadt, über die Baustelle von Stuttgart 21. Der "Nussknacker" pausiert, Zeit für ein paar tiefe Gedanken à la Kretschmann. Über das Leben. Über das Regieren: "Man braucht, religiös gesagt, Gottes Segen, profan gesagt 'fortune'. Und Demut muss man immer haben. Man ist ja vom Volk gewählt. Und das ist eine launische Diva, da ist man nie sicher."
An einem diesigen Herbsttag im Jahr 2022 steht Winfried Kretschmann auf dem Dach eines Hotels in Los Angeles und blickt in die Ferne. Und vielleicht ist es genau diese eine Szene, die viel über ihn verrät. Denn Kretschmann könnte nun viele Dinge sagen, zumal sich eine Reihe Journalistinnen und Journalisten um ihn scharen, die nur auf einen prägnanten Satz warten. Kretschmann schaut, lange schweigend. Dann sagt er: "Kein Baum, nirgendwo." Punkt. Kein Wort zu viel.
Und doch steckt in diesem Satz viel: Kretschmanns Blick auf die Umwelt, seine Verbundenheit zum Ländlichen und auch sein Umgang mit Worten. Worte sind wichtig, tragen schwer. Sie zu verschwenden, und sei es an die Presse, war noch nie Kretschmanns Ding.
Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet ihm, dem Philosophie liebenden, im Kirchenchor singenden Schwaben, das gelang, was vor ihm keiner geschafft hat: der erste grüne Ministerpräsident zu werden. "Bei mir war mal der ehemalige amerikanische Außenminister Kissinger zu Besuch, den hat nur eines interessiert: Wie kann es sein, dass im Industrieland Baden-Württemberg, in dem 60 Jahre die CDU regiert hat, ausgerechnet ein Grüner Ministerpräsident wird?", erinnert sich Kretschmann.
Sogar in konservativen Kreisen wählbar
Die Antwort liegt sicherlich auch in der Person Kretschmann begründet. "In der CDU-Parteizentrale müssen sie vor Wut in den Tisch gebissen haben, denn so einen hätten sie gerne gehabt. Hatten sie aber nicht", so Joschka Fischer, Weggefährte Kretschmanns und ehemaliger grüner Außenminister. Was er meint: Mit seinem konservativen Profil, seiner Heimatverbundenheit, Mitgliedschaft im Schützenverein, katholische Internatsvergangenheit war der Grüne Kretschmann selbst in konservativen Kreisen Baden-Württembergs wählbar.Hinzu kamen äußere Umstände. Zum einen war da eine schon lange gärende Unzufriedenheit mit der Arbeit des amtierenden CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus. Sein von vielen als "kaiserlich" empfundener Führungsstil und sein Mangel an Selbstkritik kamen bei vielen nicht gut an. Dann der Konflikt um Stuttgart 21, der im "schwarzen Donnerstag" gipfelte, als Demonstrantinnen und Demonstranten mit Wasserwerfern und Tränengas vom Bauplatz des Milliarden-Bahnprojekts vertrieben wurden.
Und dann noch das: ein Seebeben vor der japanischen Küste. Im Kernkraftwerk von Fukushima wird radioaktive Strahlung freigesetzt. "Als ich von dieser Nachricht im Radio gehört habe, kurz vor der Landtagswahl, hab ich gesagt: Für die Grünen in Baden-Württemberg dürfte die Wahl gelaufen sein. Zu deren Gunsten", erinnert sich Politologin Ursula Münch.
Kretschmanns Politik der Kompromisse
Kretschmann gewinnt die Wahl und verspricht einen Politikwechsel. "Wir werden den versprochenen Weg in die Bürgergesellschaft gehen", sagt er am Wahlabend, "und wir werden diesen Politikwechsel mit der Bevölkerung in Baden-Württemberg zusammen einleiten". Ist ihm das gelungen?Sicher, die Anfänge waren schwierig. Vor allem aus den Reihen der Wirtschaft kamen Vorbehalte. Würde grüne Politik das Autoland Baden-Württemberg in den Ruin treiben? "Wir hatten ein wirtschaftsfeindliches Image", so Kretschmann rückblickend. "Der bayerische Nachbar hat nach drei Wochen meines Amtes die Unternehmen aufgefordert, nach Bayern umzusiedeln. Ich wüsste aber nicht, dass das jemand gemacht hat."
Heute ist vom "wirtschaftsfeindlichen Image" nicht mehr viel geblieben. Kretschmanns Politik war immer eine der Kompromisse, Ökonomie und Ökologie zu vereinen, immer sein Anliegen. Für manche ein Zeichen der Stärke, der ausgleichenden Politik. Andere sehen darin einen Schwachpunkt: "Es ist dieser fast schmerzhafte Pragmatismus", analysiert Politologin Ursula Münch. "Es ist diese Bereitschaft, zumindest ein bisschen was voranzubringen, aber es ist dann auch immer nur ein bisschen."
Rückschläge nach Rekordwahlergebnis
Doch es reicht aus, um wiedergewählt zu werden, nicht nur einmal, sondern zweimal. 2021 sogar mit dem Rekordergebnis von 32,6 Prozent. Die Grünen werden stärkste Kraft im Land, weit vor der CDU.Doch Kretschmann erlebt auch Rückschläge. Die Bauernproteste gegen die Kürzungen der Agrarsubventionen. Die zunehmende Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit der Ampel-Regierung. Die Europawahl, bei der die Grünen bundesweit massiv Stimmen verlieren, vor allem bei den jungen Wählern.
Zu denen hat Kretschmann ohnehin ein schwieriges Verhältnis. "Das sind völlig andere Lebenswelten", so die Weggefährtin und ehemalige grüne Staatsrätin Gisela Erler. "Er versteht das gar nicht, ihm ist das fremd, auch alles rund um 'queer' und so, das ist für ihn anstrengend." Auch mit der Protestbewegung "Fridays for Future" oder mit den Klimaklebern der "Letzten Generation" kann der Ministerpräsident wenig anfangen. "Jeder Mensch wird erwachsen", kommentiert Kretschmann deren Umtriebe.
"Ich war ein Hardcore-Realo"
Und er weiß, was er sagt, war er doch selbst als Student, Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland. Eine "Sekte", wie er es heute bezeichnet, aus der sich zu lösen, schwierig war. Aber er hat es geschafft. Wurde zum Shootingstar des konservativen Lagers der Grünen. "Ich war ein Hardcore-Realo und habe gegen die Fundis, aus welcher Ecke sie auch gekommen sind, immer hart gefighted", so Kretschmann in einem Jargon, den man selten von ihm hört.Vor allem eingefleischte Grüne werfen Winfried Kretschmann immer wieder vor, die "grüne Sache verraten" zu haben. Auch Gegner von Stuttgart 21 hatten sich vom ersten grünen Ministerpräsidenten mehr erhofft, nämlich den Ausstieg aus dem Milliardenprojekt.
An einem Abend im Dezember steht Winfried Kretschmann gemeinsam mit Gattin Gerlinde auf dem Balkon der Stuttgarter Oper und blickt über die Innenstadt, über die Baustelle von Stuttgart 21. Der "Nussknacker" pausiert, Zeit für ein paar tiefe Gedanken à la Kretschmann. Über das Leben. Über das Regieren: "Man braucht, religiös gesagt, Gottes Segen, profan gesagt 'fortune'. Und Demut muss man immer haben. Man ist ja vom Volk gewählt. Und das ist eine launische Diva, da ist man nie sicher."
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