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Verstößt bet365 gegen deutsche Glücksspielgesetze?

Verstößt bet365 gegen deutsche Glücksspielgesetze?
Einer der weltweit führenden Online-Sportwettenanbieter, bet365, steht im Verdacht, gegen deutsche Glücksspiel-Gesetze zu verstoßen. Das zeigen Recherchen des SWR. Kläger erhalten zudem trotz rechtskräftiger Urteile keine Entschädigung. 

Im vergangenen Jahr gab der Hamburger SV eine dreijährige Sponsoren- und Exklusivpartnerschaft mit einer "der weltweit führenden Online-Sportwettenmarken" bekannt - bet365. Ziel der Zusammenarbeit sei es, "die Leidenschaft und Begeisterung der Fans im Fußball mitzuerleben und gemeinsam besondere Bundesliga-Momente zu gestalten."
Der Sportwetten Markt in Deutschland ist in den letzten Jahren immer weiter gewachsen, der Umsatz der Branche liegt in Deutschland bei rund acht Milliarden Euro pro Jahr. So haben fast alle Fußballbundesligisten Hauptsponsoren aus dem Sportwetten-Bereich.


Die "HSV Supporters" machen sich gegen Sportwetten-Werbung im Stadion stark.

Fanproteste im Stadion

Doch statt der Bundesliga-Bandenwerbung machten Proteste im Stadion auf den neuen Premiumpartner aufmerksam: "Tragt lieber Verantwortung statt Mitschuld - Anti bet365" hatten HSV Fans in einem Banner über die ganze Stadionbreite gehisst.
Sven Freese und Timo Kaminsky sind Sprecher der "HSV Supporters", der größten Hamburger Fanvereinigung, mit mehr als 100.000 Mitgliedern. Sie sehen Sportwetten als eine Gefahr, gerade für junge Fans. Die Sportwetten-Werbung habe im deutschen Fußball überhand genommen. "Es wird immer suggeriert, es sei cool, es sei was Tolles, dabei kann es zu einer Suchterkrankung führen", sagt Freese im Interview mit dem ARD-Magazin Plusminus.
Laut Experten gibt es in Deutschland mehr als 1,3 Millionen Menschen, die eine Sucht oder zumindest ein "problematisches Spielverhalten" hätten. Glücksspielsucht führt fast immer zu erheblichen finanziellen Schäden bei den Betroffenen.

3.000 Euro am Tag verzockt

So ging es auch einem Fan aus Köln. Der 37-jährige Mario, der nur mit seinem Vornamen genannt werden möchte, ist seit seiner Kindheit Fan des 1. FC Köln. Vor rund zehn Jahren kam er zum ersten Mal mit Sportwetten in Berührung. Am Anfang habe er nur ab und zu gewettet, nur zum Spaß. "Das dann schnell immer mehr, weil auch das Angebot immer größer wurde und man zum Beispiel auch die Möglichkeit hatte, jederzeit und überall und mit Smartphone auch live wetten zu können", erklärt Mario im Interview mit Plusminus, wie er in die Spielsucht schlitterte. Irgendwann war er rund um die Uhr online. "Wenn es schlimm war, dann waren das auch mal Beträge von 3.000 Euro am Tag", meint Mario.
Bis zum Jahr 2020 waren die meisten Angebote in Deutschland illegal. Und erst seit 2021 hatte dann auch der Anbieter bet365, bei dem Mario das meiste Geld verloren hatte, eine in Deutschland gültige Lizenz - unter strengen Auflagen nach dem neuen Glücksspielstaatsvertrag.
Für die Verluste, die Mario vor dieser Zeit entstanden sind, hat das Landgericht Köln bereits 2024 Recht gesprochen: Laut dem rechtskräftigen Urteil, dass dem SWR vorliegt, muss bet365 Mario rund 35.000 Euro plus Zinsen zurückzahlen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Sportwettenanbieter zu der fraglichen Zeit (bis 2020) über keine gültige Lizenz verfügte.

Brandmauer gegen EU-Recht

Doch die Summe habe Mario nie erhalten. Thomas Sittner, Marios Anwalt, der zahlreiche weitere Geschädigte vertritt, sieht hinter der Zahlungsweigerung von bet365 ein System. "Man fordert die Gegenseite zur Zahlung auf, sagt, das Urteil ist rechtskräftig. Und dann passierte nichts mehr", beschreibt Sittner den typischen Ablauf. Laut Sittner folge auf das Urteil des Landgerichts Köln schlicht Schweigen.
Hintergrund ist, dass bet365, wie die meisten Glücksspielanbieter, seinen EU-Sitz auf Malta hat. Dort gibt es seit 2023 die sogenannte "Bill 55" - eine Art "Sondergesetz", das Glückspielanbieter in Malta vor Urteilen aus anderen EU-Staaten schützt. Laut Artikel 56A des maltesischen Gaming Act habe ein Gericht auf Malta "die Anerkennung oder Vollstreckung ausländischer Urteile in Malta zu verweigern".

Experte hält Regelung für europarechtswidrig

Der renommierte Glücksspiel-Experte Markus Ruttig hält die maltesischen Sonderregelungen für evident europarechtswidrig. "Meiner Meinung nach ist es ein ziemlich dreister und auch sehr durchsichtiger Versuch von Malta, die heimische Glücksspielindustrie abzuschirmen und sie genau vor diesen Rückforderungsurteilen aus Deutschland zu schützen", so der Jurist gegenüber Plusminus.
Der Europaabgeordnete Martin Schirdewan (Die Linke) hat sich intensiv mit der maltesischen Online-Glücksspielindustrie beschäftigt. Bezogen auf die "Bill 55" glaube er nicht, dass sich Malta EU-konform verhalte. Die Einschätzung der Europäischen Kommission hierzu sei plausibel: "Malta scheint systematisch die Anerkennung und Vollstreckung ausländischer Urteile gegen maltesische Glücksspielanbieter zu verweigern - und damit gegen EU-Recht und das Prinzip des gegenseitigen Vertrauens im Justizbereich zu verstoßen", erklärt Schirdewan gegenüber dem SWR.
Bet365 wollte sich auf Anfrage zu konkreten Verfahren und Urteilen nicht äußern und teilte dem SWR ganz allgemein schriftlich mit: "bet365 nimmt seine Lizenzverpflichtungen sowie alle rechtlichen und regulatorischen Verpflichtungen sehr ernst und wir sind zuversichtlich, dass wir alle Anforderungen im Zusammenhang mit unserer deutschen Lizenz vollständig erfüllen."

Mögliche Verstöße gegen Limits und weitere Regeln

Bet365 steht im Verdacht, möglicherweise auch gegen Vorgaben des Glücksspielstaatsvertrages zu verstoßen. Demnach gibt es ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro, welches nur in Ausnahmefällen nach genauer Prüfung erhöht werden darf. Doch nach Recherchen von Plusminus kann man beim Anbieter bet365 das Limit mit nur wenigen Klicks auf 5.000 oder 10.000 Euro pro Monat erhöhen. Spielerschutz-Anwälte berichten, dass ihnen Fälle vorlägen, in denen das Limit auf bis zu 30.000 Euro erhöht werden konnte. Die Limit-Verstöße sind ebenfalls Gegenstand von laufenden Gerichtsverfahren. Bet365 wollte sich auch hierzu nicht konkret äußern.
Laut Glücksspielstaatsvertrag soll es zudem eine klare Trennung zwischen den verschiedenen Glückspielarten geben - zum Beispiel zwischen Sportwetten und Online-Casinospielen, sogenannten Slot-Maschinen. Wörtlich heißt es im Staatsvertrag: "In einem Bereich darf für die Glücksspiele in den anderen Bereichen nicht geworben oder sonst zum Spiel in den anderen Bereichen aufgefordert werden." Diese Regelung dient vor allem der Suchtprävention, da Slot-Maschinen nach Studienlage das höchste Suchtpotential haben sollen.
Die Plusminus-Recherchen belegen, dass im Bereich der Sportwetten bei bet365 ganz offen auf die anderen Glücksspielangebote hingewiesen wird und diese mit dem Hinweis "Unsere Slots" direkt verlinkt werden. Der Glücksspiel-Experte Ruttig hält das für einen "Verstoß gegen die glückspielstaatvertragliche Regulierung und damit ist es auch ein Fall für die Aufsichtsbehörde, die dem hoffentlich nachgeht."
Die zuständige Glücksspielbehörde der Länder teilte auf Anfrage des SWR mit, dass man einen möglichen Verstoß prüfen werde, dass man sich aber nicht weiter zu konkreten Vorgängen äußern werde.
Konfrontiert mit den Vorwürfen antwortet bet365 schriftlich und ganz allgemein, das Unternehmen gehe "regelmäßig über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus, um höchste Standards für seine Kunden zu gewährleisten."

Aufklärung, Prävention und Werbeverbote

Weil offensichtlich weder Gesetze noch Gerichtsurteile die Anbieter davon abhalten, gegen die strengen Regeln für Spielerschutz und Suchtprävention zu verstoßen und viele Betroffene den Eindruck haben, dass die Aufsichtsbehörden bisher nicht zu reagieren scheinen, werden jetzt die Fans selber aktiv: im "Bündnis gegen Sportwetten-Werbung" für das sich Sven Freese und Timo Kaminsky vom "HSV Supporters Club" maßgeblich engagieren.
"Das Ziel ist es, Aufklärungsarbeit zu leisten, präventive Maßnahmen zu stärken und vor allem natürlich Kinder und Jugendliche und suchtgefährdete Menschen besser zu betreuen und zu schützen," erklärt Kaminsky. "Am Ende des Tages setzt sich das Bündnis dafür ein, Sportwetten-Werbung zu minimieren bis hin zu einem Verbot." Der HSV ließ eine SWR-Anfrage bisher unbeantwortet.
Vor dem Europäischen Gerichtshof laufen unterdessen mehrere Verfahren zum Thema Sportwetten. Urteile werden im Laufe dieses Jahres erwartet. Zudem läuft ein Vertragsverletzungsverfahren der EU gegen Malta, bei dem geprüft werden soll, ob "Bill 55" mit dem europäischen Recht vereinbar ist.
FC-Fan Mario und sein Anwalt Thomas Sittner sind zuversichtlich, dass sie am Ende doch noch ihre Forderungen gegen die Anbieter durchsetzen können.

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