Nach dem US-Angriff machte sich die Opposition in Venezuela Hoffnung. Doch dann wurde klar, dass Trump das alte Regime stützt. Hat Oppositionsführerin Machado noch eine Chance gegen die neue Präsidentin Rodríguez?
Am vergangenen Sonntag wurde sie vereidigt: Delcy Rodríguez, 55 Jahre, Juristin, seit Jahren engste Vertraute des bisherigen Staatschefs Nicolás Maduro. Nur wenige Tage nach dem US-Militärangriff auf Venezuela und der Gefangennahme Maduros ist sie, vorerst, die mächtigste Frau Venezuelas. Rodríguez verkörpert den bolivarischen Sozialismus mit pragmatischen Zügen, wie Beobachter es beschreiben. Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt als Übergangspräsidentin standen an ihrer Seite ihr Bruder Jorge Rodríguez, Parlamentspräsident, sowie die Schlüsselfiguren des Militärs - der entscheidende Machtfaktor. Es war ein demonstratives Signal: Die Gruppe, die sich bislang mit Maduro die Macht teilte, bleibt geeint.
Im Gegensatz zu Machado ist Rodríguez Teil des bisherigen Establishments. Auch das Militär hat sich vorerst hinter sie gestellt.
Balanceakt zwischen Washington und Chavismus
Doch wie lange? Venezuela hat 2.500 Generäle und Admiräle, jeder mit eigenen Geschäftsinteressen. Rodríguez sei bei den Sicherheitskräften nicht beliebt, erklärt der Ökonom Manuel Sutherland: "Das Militär hat seine eigenen Forderungen. Sie wird unter großem Druck stehen und hart verhandeln müssen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass sie sich selbst rettet und die anderen im Stich lässt." Ein Balanceakt: Einerseits muss sie den harten Kern des Chavismus in Schach halten, allen voran Innenminister Diosdado Cabello. Andererseits muss sie Washington zufriedenstellen. Rodríguez versucht beides und bekundet die "Zusammenarbeit" mit den USA im Ölhandel, gleichzeitig klagt sie an: Drogenhandel und Menschenrechte seien nur ein Vorwand für den US-Angriff gewesen, "der wahre Grund ist das venezolanische Öl". Darum macht Trump am Ende selbst keinen Hehl: Es geht ihm nicht um Demokratie, sondern um Ressourcen. Wenige Tage nach dem Angriff kündigte er an, die USA würden bis zu 50 Millionen Barrel Rohöl von Venezuela erhalten - Wert: 2,8 Milliarden Dollar. Und die Drohung des US-Präsidenten war deutlich: Wenn Delcy Rodríguez nicht kooperiere, werde sie einen höheren Preis als Maduro zahlen.
Die ausgebootete Hoffnungsträgerin
Auf der anderen Seite des politischen Venezuelas die vorerst ausgebootete Hoffnungsträgerin: María Corina Machado, 57 Jahre, Ingenieurin. Mit ihrem Charisma hatte sie vor den Wahlen 2024 in kürzester Zeit eine große Mehrheit der Venezolaner hinter sich gebracht und die zersplitterte Opposition geeint. Konservativ, marktliberal, dem rechten Flügel der Opposition zugehörig - ihr Vorbild Margaret Thatcher. Unabhängig in ihrer Radikalität verkörperte sie die Hoffnung auf einen politischen Wechsel.
Verbot, Wahlsieg, Untergrund
Doch die Regierung verbot der Oppositionsführerin 2024 die Kandidatur. Stattdessen trat Edmundo González Urrutia an. Die Opposition veröffentlichte Wahlprotokolle, die seinen klaren Sieg mit 67 Prozent belegten. Das Regime erklärte jedoch Maduro zum Sieger, ohne Beweise vorzulegen. Als Proteste brutal niedergeschlagen wurden, musste Machado, bedroht von Verhaftung und Morddrohungen, untertauchen.
Friedensnobelpreis - geteilt mit Trump
Nach elf Monaten im Untergrund trat sie erst kürzlich zum ersten Mal wieder auf: In Oslo zur Verleihung ihres Friedensnobelpreises. Für viele war es eine umstrittene Entscheidung des Nobelpreiskomitees, da sie die US-Militärinterventionen begrüßte. Sie widmete den Preis sogar dem US-Präsidenten und würde ihn gerne mit ihm teilen, wie sie jüngst im Fox-Interview erklärte: "Ich würde ihm gerne persönlich sagen, dass das venezolanische Volk diesen Preis mit ihm teilen will. Was er getan hat, ist historisch, ein großer Schritt Richtung demokratischer Übergang."
Ein Schlag ins Gesicht
Doch all ihre Mühen scheinen vergeblich. Ausgerechnet jetzt, wo ein Machtwechsel greifbar scheint, wird sie von Trump ignoriert. "Sie ist eine nette Frau, aber ihr fehlt es an Unterstützung und Respekt im eigenen Land", sagte Trump nur lapidar gegenüber Journalisten. Es ist ein Schlag ins Gesicht. Doch sie lässt sich nicht beirren. In der nächsten Woche werde Machado in die USA reisen, um ihn zu treffen, wie Trump verkündete.
Machtfaktor Militär
Das große Problem sei, erklärt der venezolanische Ökonom Sutherland: "Machado genießt weder innerhalb der Streitkräfte noch innerhalb des Chavismus Respekt, was normal ist." Es sei offensichtlich, dass die militärischen und die politischen Führungsspitzen sie verabscheuten. Doch ohne das Militär lässt sich in Venezuela keine Macht ausüben und schon gar kein Machtwechsel durchsetzen. Die Streitkräfte sind seit Jahrzehnten tief mit Politik und Wirtschaft verwoben. Sie kontrollieren Schlüsselindustrien, den Ölsektor und die Lebensmittelverteilung. Maduro hat die Generäle systematisch mit Privilegien, Posten und lukrativen Geschäften bei Laune gehalten. Auch Rodríguez spielt dieses Spiel, sie weiß, dass sie ohne die Militärspitze nicht überlebt. Machado dagegen fehlt jeder Zugang zu den Kasernen. Ihre Anhänger sind auf der Straße, nicht beim Militär. Zwei Frauen, zwei Welten: Delcy Rodríguez manövriert zwischen den Machtblöcken, das Militär im Rücken, zumindest vorerst. María Corina Machado kämpft aus dem Exil um Relevanz, ohne den entscheidenden Hebel in der Hand zu halten.
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